"Gott tötete mich mit einer Nadel. Es war unglaublich gut, wie er das machte. Der Stich war vollkommen schmerzlos. Ich löste mich in nichts auf. Ich war da, aber ich war nichts mehr und reiste durchs Universum"

Früher träumte ich häufig, einen Bergweg entlangzugehen, bis ich an ein Kreuz gelangte. Ich sah hoch, zu ihm da oben, und sagte: "Du kannst mir sowieso nicht helfen." Daraufhin begannen seine Augen sich zu drehen, sie wurden groß wie Fahrräder. Hinter mir war ein Abgrund, ich drohte herunterzustürzen und rief: "Ich glaub’s ja schon!"

Dieser Traum rührte daher, dass ich damals nicht wusste: Wer bin ich eigentlich? Ich hatte höchstens den Glauben an meine musikalische Kraft. Aber wie sollte ich sie äußern? Schon als Kind wusste ich genau, wie ich später wohnen würde: An Wänden und Decke würden Geräte hängen, überall Drähte und Kabel. Genau so sieht meine Wohnung heute aus.

Anfang der sechziger Jahre bewarb ich mich an der Hochschule in Berlin, um Komposition zu studieren. Als ich mit meinem Kontrabass und meinem Verstärker zur Aufnahmeprüfung kam, fragte man mich: "Was wollen Sie denn damit? Was wollen Sie spielen?" Ich antwortete: My Funny Valentine – und fiel durch. Aber hinterher sagten sie, dass sie mich doch aufnehmen würden, sie fänden mich "menschlich interessant".

Ich studierte zwei Monate lang. Ich musste alte Notenschlüssel lernen, ohne zu erkennen, wozu das gut sein sollte. Eines Tages stellte der Professor mir die Aufgabe, einen Choral zu setzen. Als ich mit der Partitur zurückkam, war er überrascht: "Das haben Sie aber toll gemacht." Ich fragte: "Haben Sie auch gesehen, wie die beiden Mittelstimmen laufen?" Die eine lief von hinten, die andere von vorn, ähnlich wie in der Kunst der Fuge. Das war ihm noch gar nicht aufgefallen. "Das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut", sagte er.

Dann zeigte er auf die Partitur: "Diesen Ton hier, den müssen Sie ändern. Der stimmt nicht." Ich sagte: "Moment, das muss ich am Klavier hören." Darauf er: "Nein, Sie müssen sich das so vorstellen." Ich konzentrierte mich, hielt mir die Ohren zu und sagte schließlich: "Auf keinen Fall werde ich diesen Ton ändern." Er: "Wollen Sie nun meine Lehre annehmen oder nicht?" Ich: "Nein, ich will Ihre Lehre nicht annehmen." Da hat er mich rausgeworfen. Wegen eines Tons.

Damals fragte ich mich: Was wird jetzt wohl aus dir? Ich hatte keine Vorstellung. Andere Leute haben die Vision, klassischer Komponist zu werden. Deswegen lernen sie all diese Dinge. Ich wusste, ich will Komponist werden – aber keine Noten schreiben. Ich ging in die Joachimsthaler Straße, zum Sternschen Konservatorium, und meldete mich dort an. "Sie waren doch an der Hochschule", fragte man mich, "warum kommen Sie denn jetzt zu uns?" Darauf ich: "In der Hochschule kostet das Mittagessen 1,10 Mark, bei Ihnen nur fünf Pfennige." Gegen das Argument konnten sie nichts sagen. Also lernte ich Bass beim Solobassisten der Berliner Philharmoniker und machte schön meine Schularbeiten.

Eines Tages kam Herbert von Karajan und bat alle Komponisten zu einer Probe mit den Berliner Philharmonikern. Wir saßen neben den Musikern. Er wollte, dass wir lernen, wie ein Orchester klingt. Er dirigierte Tschaikowsky. Damals hatte er seine goldene Zeit. Ich war hingerissen von der Konzentration, die von ihm ausging.