Heute haust er nicht mehr in den Wäldern, in der Wüste, im Nirgendwo der nichtzivilisierten Welt. Heute lebt er nur noch da, wo er eigentlich immer zu Hause war - in unseren Köpfen. Der Wilde hatte früher viele Gestalten. Er war das Andere der westlichen Kultur und vermeintlich deren Kontrolle entzogen.

Angeblich bedrohte er sie sogar. Im Grunde aber tanzte er doch nach ihrer Pfeife. Denn jede Epoche schuf sich den Wilden, den sie brauchte, mal zum Fürchten, mal zum Liebhaben, mal bloß für den leichten Schauder zwischendurch. Dem Salvatge Europeu, dem Europäischen Wilden, und seinen zahlreichen Fratzen widmet das CCCB, das Zentrum für zeitgenössische Kultur in Barcelona, gerade eine Ausstellung, die der mexikanische Anthropologe Roger Bartra und die spanische Schriftstellerin Pilar Pedraza gemeinsam konzipiert haben (bis zum 23. Mai). Darin sind Werke von Dürer, Goya oder Cindy Sherman neben Hulk-Comics, Tarzan-Postern und Clips aus Horrorfilmen zu sehen. Und man spürt, wie das Wilde immer näher rückt. Zuerst streift es nur durch entlegene Zonen beseelter Natur, in Form von Kentauren oder ganzkörperbefellten homini sylvestris, die durchaus zu Menschenfresserei neigen. Ende des 15. Jahrhunderts beginnt der Wilde plötzlich, seine sanfte Seite zu zeigen, und wird in einer Art postparadiesischer, prärousseauistischer Familienidylle im heimischen Wald abgebildet. Manche Wilde werden später in den Freak-Shows enden: der Löwenmann, die Frau mit Vollbart, der Elefantenmensch. Andere treiben's mit dem Teufel, fangen als Hexen an und müssen schließlich auf Femme fatale umschulen. Die westliche Kultur kennt sich am Ende immer besser aus in den Darkrooms ihrer Seele. Das ehemals Ausgegrenzte wird eingemeindet. Der Wilde Mann für unsere Zeit heißt Hannibal Lecter - ein Kannibale, so kultiviert, dass er zum Kultstar wird.

Einst galt der Kontakt mit dem Wilden als gefährlich. Heute gilt das Gegenteil: Berührungsangst ist uncool.