Auf kaum etwas ist Kassel so stolz wie auf einen winzigen Punkt. Einen runden weißen Punkt auf grünem Grund. Den jeden Tag mehrere Millionen Menschen sehen, die dafür nur den Wetterbericht im ZDF einschalten müssen. Dort ist der Punkt mitten auf der Deutschland-Karte und zeigt es allen ganz genau. Wo Kassel liegt.

Wie wichtig den Menschen in Kassel der Punkt ist, war vor ein paar Jahren zu sehen, als man ihnen den Punkt wegnehmen wollte. Niemand hat beim ZDF die Briefe gezählt, geschrieben von tief gekränkten Bürgern. Und vom Bürgermeister. Kassel blieb auf der Karte. Wenn auch nicht nur wegen der Briefe. Aber dazu kommen wir später.

Bei der ARD gehen jede Woche ähnliche Briefe ein. Geschrieben von Menschen, die endlich ihre Stadt sehen wollen auf der traditionsreichsten Fernsehwetterkarte des Landes. Zum Beispiel von Menschen aus Nürnberg. Da, wo Nürnberg liegt, da sei doch noch so viel Platz. Oder von den Gemeinderäten eines kleinen Dorfes in Hessen, die einstimmig beschlossen haben, dass ihr Ort umgehend auf die Karte zu setzen sei. Nicht zu vergessen auch hier die Beschwerden aus Kassel. Wieso zeigt die ARD noch immer dieses Frankfurt?

Die Meteorologen antworten dann, dass sie den Wunsch verstehen, aber es seien eben sehr viele Städte auf der Wetterkarte und leider kein Platz mehr. Was sie am liebsten machen würden, schreiben die Meteorologen nicht. Die ganze Karte abräumen nämlich. Ja, wenn es nach ihnen ginge, dann gäbe es stattdessen viel Platz für viel Wetter. Platz, wo Sonnen scheinen und wo Blitze zucken. Und wo man Minusgrade und Tiefdruckgebiete genau dahin setzen kann, wo sie auch sind.

Mehr als zehn Städtenamen passen auf keine Karte

Aber die Meteorologen werden nicht gefragt. Im Ersten sind heute zehn Städte auf der Karte, mehr als jemals zuvor. Nicht nur München, Berlin und Hamburg, auch Kiel und Rostock. Das Zweite hat ebenfalls zehn Orte. Kiel und Rostock, Kassel, Bonn, sogar Saarbrücken. Gunther Thiersch, den Wetterchef des ZDF, macht das schon lange ratlos. "Was wir jetzt draufhaben, ist einfach das absolute Maximum", sagt er. Aber er weiß, es ist längst zu spät. "Eine Stadt ist schnell auf der Karte, aber du kriegst sie einfach nicht mehr runter."

So wie vor fünf Jahren, als Bonn runter sollte. Die Stadt ging damals siegreich aus dem Ereignis hervor, das als "Rheinischer Wetterkrieg" in die Geschichte einging. Ein erbitterter Dreikampf war das, und eine Boulevard-Zeitung fragte: "Wer wird die meteorologische Macht am Rhein?" Köln hatte Bonn auf allen anderen Sendern beerbt und sollte nun auch auf die ZDF-Karte. Und Düsseldorf, bisher von allen übergangen, wollte wenigstens auf einem Sender zu sehen sein. Bonn blieb.

Solche Erfolge sind es, die auch andere nicht ruhen lassen. Leipzig etwa. Dort ist man gar nicht glücklich, dass bei ARD und ZDF Dresden zu sehen ist. Vor der Wende war Leipzig immerhin die einzige DDR-Stadt auf der Tagesschau- Karte. Schließlich bewirbt man sich für die Olympischen Spiele, ein wenig Aufmerksamkeit würde nicht schaden. Im Rathaus gibt man sich sanft. Man formuliere bei den Senderverantwortlichen höchstens mal "Wünsche oder Träume".