Der islamistische Terrorismus macht im Irak, so scheint es, gerade eine 180-Grad-Drehung. Selbstmordattentäter, aller Wahrscheinlichkeit nach selbst Muslime, sprengen sich inmitten feiernder Glaubensbrüder in die Luft. Bei den Explosionen während des schiitischen Aschura-Festes starben in Kerbala und Bagdad mindestens 182 Menschen, mehrere hundert wurden verletzt. Die Antwort auf die Frage, warum die Bluttaten jetzt die Schiiten treffen, die größte Bevölkerungsgruppe im Irak, hat einer schon vor gut einem Monat gegeben: Abu Musab al-Zarqawi, der mutmaßliche Anführer der Terrorgruppe Ansar-e Islam. Sowohl der amerikanischen Zivilverwaltung als auch schiitischen Geistlichen gilt der Jordanier als Drahtzieher der jüngsten Anschläge. Und nicht nur dieser. In einem Strategiepapier, das amerikanischen Geheimdienstlern Anfang Januar im Irak auf einer Computerdiskette in die Hände fiel, soll Zarqawi geschrieben haben:

"Wenn es uns gelingt, sie (die Schiiten, Anm. d. Red.) in die Arena des sektiererischen Kampfes zu ziehen, wird es möglich werden, die nachlässigen Sunniten wachzurütteln für die unmittelbare Gefahr und Vernichtung, die ihnen von diesen Sabeanern (ein als ungläubig betrachteter Volksstamm, Anm. d. Red.) droht."

Die Worte mögen religiös gewählt sein, die Absicht bleibt weltlich: den Vielvölkerstaat Irak in Chaos und Bürgerkrieg zu stürzen. Klein-Vietnam im Zweistromland – den amerikanischen Besatzungstruppen bliebe nichts als der Rückzug. Was sie zurückließen, wäre der Albtraum jedes Sicherheitspolitikers und der Traum jedes Terrorbosses: ein neuer failed state, eine Staatsruine ohne Zentralregierung und gesetzliche Ordnung. Besseren Rekrutierungs- und Trainingsraum kann sich ein Islamistenführer nicht vorstellen. Zumal solche Refugien rar geworden sind, seit die Taliban aus Afghanistan vertrieben sind, Indonesiens Regierung ein Dschihadisten-Camp nach dem nächsten aushebt und Predator-Drohnen über dem Jemen kreisen.

Zarqawi werde es mit seinem Terror nicht gelingen, die Iraker in einen Bürgerkrieg zu ziehen, mit diesen Worten trotzte ein schiitisches Mitglied des provisorischen irakischen Regierungsrates der Wucht der Anschläge. Die Straße sprach eine weniger zuversichtliche Sprache. Unmittelbar nach den Attentaten bewarfen aufgebrachte Iraker amerikanische Soldaten mit Abfall und Steinen. Wenn Ansar-e Islams Taktik aufgehen soll, müssen die Bombenkommandos immer schneller und verheerender zuschlagen: Zum 1. Juli sollen die Iraker ihr politisches Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Dann wird es für alle Volksgruppen schwieriger, den Besatzungstruppen die Schuld für die Zustände in die Schuhe zu schieben.

Die sunnitische Terrorgruppe ist eine alte Bekannte der US-Nachrichtendienste. Als Außenminister Colin Powell am 5. Februar 2003 im Weltsicherheitsrat Beweise für die Bösartigkeit des Iraks vorlegte, gab er der angeblichen Verbindung zwischen Saddam Hussein und al-Qaida einen Namen: Ansar-e Islam, die Extremistentruppe aus den Kurdengebieten, kooperiere mit dem Bin-Laden-Netzwerk. Ihr Chef Zarqawi habe sich noch im Mai 2002 in Bagdad ein verletztes Bein behandeln lassen. Tragischerweise erscheint die These von der Terroristenehe zwischen bin Laden und Zarqawi heute, nach dem Krieg, glaubwürdiger als vor dem Krieg.

Der Staatsfeind Zarqawi steht mittlerweile ganz oben auf der Fahndungsliste der koalierten Zivilverwaltung. "Die Hinweise verstärken sich, dass er hinter den Anschlägen auf das UN-Hauptquartier in Bagdad und damit dem Mord am UN-Sondergesandten Sergio DiMello steckt sowie hinter dem Bombenanschlag auf die Imam-Ali-Moschee in Nadschaf, bei dem (im August 2003, Anm . d. Red.) der Großajatollah Bakr al-Hakim und 83 weitere Personen ermordet wurden", heißt es in einer Erklärung der Coalition Provisional Authority (CPA). Es gebe auch Spekulationen, nach denen Zarqawi die Mordversuche an Großajatollah Ali Sistani angeordnet haben soll. Erst am 12. Februar verdoppelte das amerikanische Außenministerium das Kopfgeld für Zarqawi von 5 auf 10 Millionen Dollar. Der Mann entwickelt sich im Irak offenbar zu dem, was bin Laden in den achtziger Jahren in Afghanistan war: einem globalen Rekruteur von Freiwilligen für den Dschihad gegen die Supermacht.

Nach Ermittlungen der Generalbundesanwaltschaft hat Zarqawi unter anderem Verbindungen zur deutschen Islamistenszene. Ein Mitglied der Terrorgruppe al-Tawhid, das seit Anfang Februar in Düsseldorf vor Gericht steht, hat sich demnach Zarqawi als Selbstmordattentäter angeboten. Umgekehrt soll Zarqawi der Terrorzelle in Nordrhein-Westfalen Anweisungen für Anschläge auf jüdische Einrichtungen gegeben haben.

Der Mann hat also eigene Befehlsstrukturen – und eigene Ideen. Mit derjenigen, Schiiten zu ermorden, weicht er von der Linie der Mutterorganisation al-Qaida ab. "Einige Leute", schreibt Zarqawi in seinem Strategiebrief an die Al-Qaida-Spitze, "mögen sagen, dies sei eine rücksichtslose und unverantwortliche Aktion, welche die islamische Nation in eine Schlacht stürzen werde, auf die sie nicht vorbereitet ist. Seelen werden vernichtet und Blut wird vergossen werden. Dies ist jetzt jedoch genau das, was wir wollen."