In der Nacht zum Montag einigte sich der Irakische Regierungsrat auf eine Interimsverfassung; es gibt keine in Arabien, die liberaler oder demokratischer wäre. Dreißig Stunden später wurden in Bagdad, Kerbala und im pakistanischen Quetta über 200 Menschen hingeschlachtet. Die Terrormorde hätten gemeiner und heimtückischer nicht sein können. Die Bomben der islamistischen Killer zerfetzten gläubige Schiiten, die sich zu ihrem höchsten Fest, der Aschura, versammelt hatten. Das war, als hätten sich christliche Ultras am Ostersonntag unter die Frommen auf dem Petersplatz gemischt, um so viele Glaubensbrüder wie nur möglich in den Opfertod zu reißen.

Dieser Wahnsinn lässt das Blut gefrieren, doch hat er Methode. Der "Sinn" der Massenmorde kann durchsichtiger und perverser nicht sein. Es ist die Logik aller Terroristen, sei ihre Verblendung weltlicher oder religiöser Art. Im Namen der Zukunft wollen sie die Zukunft morden, im Namen der Wiedergeburt den Tod über die Welt bringen. Das ist kein "Freiheitskampf" gegen so genannte Besatzer. Denn diese haben in den vergangenen Wochen die Knute allenfalls geschwungen, um die eifersüchtigen Ethnien des Iraks zu einer Verfassung zu zwingen, die allen – Schiiten, Sunniten, Kurden – unveräußerliche Rechte und keinem die Oberherrschaft gewähren soll.

Die Interimsverfassung garantiert Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit, dazu die der Religion, die in keinem arabischen Land Wirklichkeit ist. Dieses Dokument sieht eine unabhängige Justiz vor, gleiche Rechte für alle, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft. Dass der Islam "eine Quelle" der Gesetzgebung sein soll, mag nicht westlichem Wesen entsprechen, ist aber besser als die "Vorrangigkeit", welche die frommen Ratsmitglieder gefordert hatten. Die Verfassung ist ein guter Kompromiss, der dem Irak ein Tor in die Freiheit öffnet. Doch die Botschaft der Bomben lautet: "Weg damit!" Das ist der Nihilismus im Mäntelchen einer höheren Bestimmung, die allein die Mörder zu kennen glauben.

Armageddon als Erlösung ist das uralte Motiv der Verbrecher im Dienste einer satanischen Heilslehre. Uralt auch das Endziel, das nicht Freiheit, sondern Unterwerfung heißt. Modern sind bloß die Waffen, die einen vielfach größeren Vernichtungsradius haben als die Dolche der Assassinen. Noch moderner ist die Netzwerktechnik des Todes – die Gleichzeitigkeit und Präzision der Blutbäder nicht an einem beliebigen, sondern hoch symbolischen Tag wie dem der Aschura. Und die unmittelbaren, die "weltlichen" Ziele? Sie könnten eindeutiger nicht sein, ob dahinter nun bin Laden im Äußeren oder Chefterrorist Musab al-Sarkawi im Inneren des Iraks steht.

Das Aschura-Massaker in der heiligen Schiiten-Stadt Kerbala ist die Provokation im Quadrat. Die Schiiten sollen blindwütig zurückschlagen – gegen die Amerikaner, die sunnitischen Araber, die Kurden. Sie sollen die Interimsverfassung zerreißen, den politischen Prozess ersticken, das Land in den Bürgerkrieg, die Koalition in die nackte Repression treiben. Die UN sollen sich endgültig zurückziehen, was umso tragischer wäre, als es Lachdar Brahimi, dem Abgesandten Kofi Annans, bisher gelungen war, den renitenten Schiiten-Führer Sistani zu zähmen. Die gesamte internationale Gemeinschaft, die sich jetzt zur Hilfe für den Irak durchgerungen hat, soll verschwinden, um den Terroristen das Feld zu überlassen.

Müßig hinzuzufügen, dass dieses Kalkül nicht aufgehen darf. Die Zukunftsmörder dürfen im Irak nicht obsiegen. Denn al-Qaida und seine Ableger haben nicht nur dem irakischen Volk, nicht nur den "Kreuzfahrern" den Krieg erklärt, sondern allen Nationen, auch islamischen, die mit der pervertierten Heilslehre der Mörder nichts zu tun haben wollen. Ihnen gebührt nicht ein Jota an Verständnis, den Irakern aber aller Beistand – jetzt mehr denn je.

Vielleicht begreifen nun die Sistanis, die vom irakischen Schiiten-Staat träumen, dass die ungeliebten Amerikaner nützliche Verbündete und die Terrorkrieger der gemeinsame Feind sind. Vielleicht schlägt der heilige Zorn der Schiiten doch nicht in heillose Wut um. Die Hoffnung wurde jedenfalls noch nicht gemordet: Der Regierungsrat will die Interimsverfassung wie geplant in dieser Woche unterzeichnen.