Natürlich will keiner derer, die dafür in Frage kommen, über die Nachfolge Romano Prodis sprechen. Wer den liberal-urbanen Professor aus Bologna als Präsident der EU-Kommission im Herbst ablösen wird, wollen – und müssen – die Staats- und Regierungschef ja erst eine Woche nach der Europawahl (am 13. Juni) auf ihrer Gipfelsitzung im Europäischen Rat beschließen. Das ist scheinbar viel Zeit, in Wahrheit aber wenig. Denn auf den neuen Mann (ein Mann wird es ja allemal sein) wartet einige Arbeit. Und außerdem die Aussicht, dass er nach einiger Zeit einen zweiten Berufseuropäer neben sich haben dürfte: den Beauftragten des Europäischen Rats (also der nationalen Chefs), wie immer diese Institution in der künftigen Verfassung auch heißen wird – sofern die Verfassung zustande kommt.

Wahrscheinlich ist zur Zeit nur soviel: Der neue Kommissionspräsident wird mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ein Mitglied des erlauchten Klubs der amtierenden und ehemaligen Regierungschefs sein und kein derzeitiges Mitglied der Kommission. Diese Kriterien träfen immerhin auf den Mann zu, dem viele die meisten Chancen auf Prodis Job geben (und dem übrigens auch die rot-grüne Regierung in Berlin bisher den Vorzug gibt): auf den Christdemokraten Jean-Claude Juncker, den luxemburgischen Regierungschef. Das gilt freilich – theoretisch – auch für dessen österreichischen Parteifreund und Kollegen Wolfgang Schüssel in Wien, der vier Jahre nach dem Streit um die Sanktionen im Kreis der Länderchefs einiges Ansehen genießt. Ebenso gilt das für den schwedischen Sozialdemokraten und Ministerpräsidenten Göran Persson und schließlich für den ehemaligen Regierungschef Finnlands, den heutigen Parlamentspräsidenten Paavo Lipponen.

Einer dieser vier möglichen Kandidaten für den Topjob in Brüssel sondierte dieser Tage das europapolitische Terrain in Berlin: Paavo Lipponen. Offiziell war er an der Spitze einer finnischen Parlamentarierdelegation in die Bundeshauptstadt gekommen. Dort traf Lipponen unter anderem auch Bundeskanzler Schröder und Bundesaußenminister Fischer, was insofern auffiel, als das protokollarisch keineswegs übliche Termine für besuchende Parlamentspräsidenten sind. Aber Lipponen ist eben nicht irgendein prominenter Besucher. ZEIT online sprach mit dem Parteichef der finnischen Sozialdemokraten, der von 1995 bis 2003 Chef einer Mehrparteien-Koalition („Regenbogen“) war.

ZEIT: Herr Lipponen, wer hat die besten Aussichten, Nachfolger Romano Prodis zu werden?

Paavo Lipponen: Über konkrete Personen möchte ich nicht spekulieren. Entscheidend wird sein, ob es sich bei dem neuen Mann um einen gegenwärtigen oder ehemaligen Regierungschef handelt oder beispielsweise um ein Mitglied der Kommission.

ZEIT: Das spielt aber auch eine Rolle bei der Frage eines von der künftigen Verfassung vorgesehenen Präsidenten des Europäischen Rats, der von den Regierungschefs auf zweieinhalb Jahre berufen werden soll. Er soll ja erst recht ausschließlich aus dem Kreis ehemaliger Regierungschefs gewählt werden. Erschwert das nicht die Entscheidung?

Lipponen: Ich finde das problematisch, dass man nicht gleichzeitig auch über diese Besetzung entscheiden kann. Denn wir brauchen einen neuen Beginn. Finnland hat diese Konstruktion im Konvent zwar kritisiert, aber ich halte es für möglich, dass dieses Amt – im Gleichgewicht mit dem Kommissionspräsidenten – eine Stärkung für die EU sein kann. Jedenfalls sollte sie das werden. Der neue Ratspräsident kann in Zusammenarbeit mit dem Kommissionspräsidenten bei künftig 25 Mitgliedsstaaten Probleme vermeiden helfen. Er wäre auch besser in der Lage, sich in den Mitgliedstaaten persönlich umzuhören. Er ist das Ohr des Europäischen Rats für die Wünsche und Ideen der Mitgliedsstaaten. Daher wäre es auch von Vorteil, wenn er die handelnden Personen kennt. Die übliche Rundreise durch alle Hauptstädte kann der jeweilige Ministerpräsident der Präsidialmacht...