Von Verantwortung ist leicht reden. Denn was kann selbst der umsichtigste Pragmatiker, der sich verantwortlich fühlt, heute noch überblicken? Verantwortung lässt sich nur vermeintlich noch leicht übernehmen oder anderen zuweisen. Komplexere Zusammenhänge verwischen das Bild einer klaren Zuschreibung: Wer trägt tatsächlich die Verantwortung für die Konjunkturschwäche, wer die Verantwortung für den Klimawandel, Massenentlassungen, das berufliche Scheitern oder gar für die Geschichte? Verantwortung ist immer seltener eindeutig personalisierbar und wird begrifflich unscharf. Und der derzeit grassierende Appell an die "Eigenverantwortung" entpuppt sich meist als politischer Trick mit ideologischen Untertönen, denn er verkennt die Lasten der Individualisierung - und damit Disziplinierung - eines angeblich trägen und sozialstaatssatten Bürgers. Lichtet sich der Nebel der Verantwortungsrhetorik, steht man begrifflich auf freiem Feld. Dieses Feld bestellt der Philosoph Ludger Heidbrink mit seiner Habilitationsschrift neu. Er hat ein misstrauisches Buch über den Begriff der Verantwortung geschrieben und ihn der denkbar schärfsten Analyse unterzogen.

Um Verantwortung von allen Seiten zu fassen - die Verantwortung für die familiär Nächsten spielt allerdings keine hervorgehobene Rolle -, zeichnet er zunächst Geschichte und Vorgeschichte des relativ jungen philosophischen Begriffes nach. Mit Kant, Hegel, Kierkegaard und Nietzsche zeigt er, wie noch vor der Konjunktur des Verantwortungsbegriffs durch Max Webers Politik als Beruf schon wesentliche Probleme vorgedacht wurden - etwa Hegels Einwand gegenüber Kant, dass der Verantwortungsbegriff sinnvollerweise des konkreten Kontextes bedürfe und nicht schlicht normativ gefasst werden könne. Heidbrink trennt den Begriff von seinen metaphysischen Prämissen und unbefriedigenden normativen Grundlagen. Von den großen Theorien der Verantwortung seit Weber bleibt kaum noch Substanzielles übrig.

Gleichwohl will Heidbrink seinen Gegenstand nicht über Bord werfen. Daher versucht er in einer zweiten Argumentationsstrategie die Unwägbarkeiten der komplexen Gegenwartsgesellschaft zu erfassen, um die Lücken zu finden, in denen Verantwortung möglich ist. Indem er sich dabei weitgehend der Terminologie der Systemtheorie bedient, begibt er sich in die Höhle des Löwen, denn es war Luhmann, der die Verantwortung sarkastisch als "Verzweiflungsgeste" abgetan hatte. Heidbrink lässt sich aber von einem "systemischen Verantwortungsdefätismus" nicht anstecken, sondern nutzt das analytische Potenzial der Systemtheorie, um die Chancen und Grenzen der Verantwortung noch weiter auszuloten.

Aus dieser doppelten Abgrenzung gegenüber einer begrifflichen Überforderung auf der einen und einer systemhörigen Eliminierung der Verantwortung auf der anderen Seite entwickelt Heidbrink seinen minimalen Verantwortungsbegriff und konstatiert ein unhintergehbares "Faktum der Verantwortung". Diese Rettung im Sinne einer Kantischen Kritik führt ihn zu einer wachsamen Skepsis. Der Verantwortungsskeptiker muss sich normativen Festlegungen enthalten und empirisch auf der Hut sein, um möglichst "kontextsensibel" zu handeln und durch präzise Analyse das Dickicht der Systeme zu durchschauen.

Das scheint enttäuschend wenig. Die Pointe liegt aber in der Gestalt des Buches selbst. Die Figur des Skeptikers spricht aus jeder Zeile, und man kann ihm bei seinen reichen analytischen und argumentativen Zurüstungen über die Schulter schauen. Seine Sprache hat durchaus etwas Anwendungsfreundliches und manchmal die Eindringlichkeit einer PowerPoint-Präsentation. Vieles bleibt für eine Habilitationsschrift erstaunlich knapp, manches zu knapp, was an der unübersichtlichen Vielzahl der Protagonisten liegt (von Scheler und Gehlen über Bonhoeffer und Buber zu Rorty und Etzioni), der Präzision aber nur selten abträglich ist. Man geht gestärkt und sensibilisiert aus der Lektüre hervor, die bei aller Skepsis etwas Erbauliches hat. Denn hinter der Skepsis steckt das diskrete Pathos des "Dennoch", das schon Weber zu seiner Verantwortungstheorie motivierte.

Ludger Heidbrink: Kritik der Verantwortung

Zu den Grenzen verantwortlichen Handelns in komplexen Kontexten; Velbrück Verlag, Weilerswist 2003; 356 S., 35, - Euro