Einen Monat nach der Reise war Johst wiederum bei Himmler in Berlin. Der Dichter erzählte beim Mittagessen, dass er über 200 Seiten des Polen-Buches fertig habe. Nur in der Literatur würden die wirklich bedeutenden Denkmäler einer großen Zeit gesetzt. Er zog Vergleiche mit den Schriften Homers, Cäsars und Tacitus’. Es müsse "unsere Aufgabe" sein, "Sagas" zu verfassen, die ein "wahrheitsgetreues Denkmal unserer Zeit" darstellten, nicht ein Kompositum aus Erinnertem und Erdachtem.

Himmler stimmte zu. Was er selber unter einer "Saga" und ihrer "Wahrheit" verstand, geht aus einer Rede hervor, die er in Begleitung Johsts 1944 hielt: "Wir erzählen ihm [dem auszubildenden SS-Mann] immer wieder die Heldensage unseres Blutes, […] die Sage des germanischen Volkes […] ist das Gesagte, wie der einzelne Mensch und wie das einzelne Volk mit seinen großen und kleinen Schicksalen sich auseinandersetzt im Kampf der Liebe, im Kampf des Gewissens, im Kampf mit sich selbst, im Kampf für sein Volk: […] sei es der Grenadier, der seinen T 34 damit erledigt, daß er die Haftmine, die nicht haften will, mit seiner Hand hinhält und dann abzieht. Das ist die Heldensage unseres Volkes. Wir müssen uns bemühen, […] unsere schöne, schöne Muttersprache […] wieder in solche Formen zu gießen […], so daß der Rekrut […] diese Sache wieder auswendig lernen kann und sie ihm sein Gebet ist in der Stunde, wo er sich entscheidet, ob er an dem Platz stehenbleibt, oder ob er feige ist und türmt."

Johst war nun der Saga-Dichter, der die Fährnisse und Taten deutscher Krieger im Kampf um die Errichtung des "Großgermanischen Reiches" für die künftigen Generationen verherrlichen sollte. Das erste "wahrheitsgetreue Denkmal" ist jenes Buch Ruf des Reiches – Echo des Volkes!, das Johst über die Polenfahrt vom Januar 1940 verfasste. Wie schon 1935, in der Propagandaschrift Maske und Gesicht, werden hier alle Register der Demagogie gezogen: Rechtfertigung des Krieges gegen Polen, Abwertung der Feinde, Bekenntnis zu den Rassegesetzen und antisemitische Hasstiraden – der "Führer" dagegen als messianische Lichtgestalt, dazu ein Preislied auf Himmler und seine Schutzstaffel. Das mörderische Vorgehen gegen die unterworfene polnische und jüdische Bevölkerung liest sich hier so: "Die Zeiten der Sentimentalität sind vorüber. Wer weich wird, ist schon vom Dolch des Hasses durchstoßen." Aufgabe sei es nun, das "erbgesunde Blut des Rassebewußtseins" zur Geltung zu bringen.

Diese erste Frucht des Saga-Projektes blieb allerdings die Einzige. Dass es zu weiteren Erzeugnissen Johstschen Gestaltungswillens nicht mehr kam, mag am fatalen Fortgang des Krieges gelegen haben, der vor allem nach Stalingrad eine solche Eroberungssaga nicht eben begünstigte. An gutem Willen und hinreichenden Kenntnissen mangelte es dem Dichter nicht. So war er über den Völkermord vollständig informiert, er hatte den Auftakt in Polen ja selbst erlebt und wurde frühzeitig von Himmler ins Vertrauen gezogen. Der hatte im Juni 1941 ein Dutzend höchster SS-Generale auf die Wewelsburg bei Paderborn geladen, darunter Johst. Am abendlichen Kaminfeuer unterrichtete Himmler die Herren über den Zweck des Treffens: ihnen mitzuteilen, dass der Angriff auf die Sowjetunion unmittelbar bevorstehe, welche Aufgaben sich daraus für die SS ergäben und dass "20 bis 30 Millionen Slawen und Juden" dabei umkommen würden.

Ein halbes Jahr später beförderte Himmler Johst zum SS-Gruppenführer. Immer wieder rief der Reichsführer den Freund zu sich nach Berlin oder in die Feldkommandostelle, manchmal für Monate. Johst war Teilnehmer jener Gruppenführer-Tagung in Posen (Oktober 1943), auf der Himmler vor den anwesenden SS-Offizieren seine berüchtigte Geheimrede hielt, in der er über die "Endlösung" sprach: "Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein […]. Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes."

Johst selbst hatte übrigens keine Skrupel, gegen Juden vorzugehen, sie als solche zu denunzieren und damit ihre Ermordung in die Wege zu leiten. So machte er im November 1943 Himmlers Referenten auf einen "frechen Volljuden" aus der Nachbarschaft in Seeshaupt am Starnberger See aufmerksam und bat ihn, "hier mit jähem Finger" einzugreifen.

Auch an einer der geheimsten Unternehmungen ließ der Reichsführer seinen Dichter teilnehmen. Am 25. Oktober 1944 fand in Wien ein Gespräch mit dem Schweizer Altbundespräsidenten Jean-Marie Musy statt, an dem neben Himmler nur noch Johst und SS-Gruppenführer Hans Kammler (Spezialist für die Ausrüstung der KZ mit Gaskammern und Krematorien) beteiligt waren. Es ging um das weitere Schicksal der in deutscher Hand befindlichen Juden. Angesichts der desolaten Kriegslage hatte sich Himmler entschlossen, ohne Kenntnis Hitlers und über Mittelsmänner des neutralen Auslands Kontakt zu den Westalliierten zu suchen, um einen Separatfrieden zu schließen. Dafür wollte er die Juden als "Verhandlungsmasse" einsetzen.