Nur seinen blauen Augen verdankt es Agron Fatmir, wenn überhaupt von ihm Notiz genommen wird. Er ist ein chronischer Gast, eine Schattenexistenz in der psychiatrischen Anstalt von Valona. Sein Bruder hat Agrons Haus verkauft, das Geld eingesteckt und lässt den Ärzten regelmäßig Geld zukommen, damit sie ihn im Irrenhaus behalten. Doch Agron hat sich verändert, er lehnt sich auf. Er hat durchgesetzt, dass er tagsüber den vergitterten Bettensaal verlassen und in der neuen Aufnahmeabteilung, dem hübsch hergerichteten Eingangsbereich der Anstalt, bleiben kann. Dort gibt es Musik, Kaffee, Tische, Sofas und vor allem Menschen, die ihm zuhören. Vielleicht klingt das nicht besonders spektakulär. Doch hinter Agrons Ausflug aus dem Bettensaal steht der Aufbruch eines Landes in die euro-päische Gegenwart – und das ausgerechnet in einem Irrenhaus im Süden Albaniens, in einem Land also, dessen Ruf schlecht ist.

Es geht um kleine Anfänge und einen großen Schritt, der folgen soll, um die Auflösung der Anstalt. Die Geschichte beginnt im vorigen Sommer in Valona, mit einem Abend am Meer, der alles hat: die leichte Brise, die Zikaden, den Vollmond. Von der Hotelterrasse fällt der Blick auf die Uferstraße der Hafenstadt. Für einen Moment ist die Lichterkette der Strandpromenade erloschen, der übliche Stromausfall. Aber nun leuchtet sie wieder auf, unter dem Dröhnen der Generatoren. Auf dem Terrassendach eines Hotels haben sich 20 Menschen versammelt, Albaner und Ausländer. Sie sollen sich einander vorstellen bei Coca-Cola, Bier. Sie rauchen Slim-Zigaretten, weil das jetzt modern ist in Albanien. Es wird Italienisch, Englisch, Deutsch und Albanisch gesprochen. Die Mehrheit der Ausländer sind junge Frauen. Sie lachen und schwätzen. Die Albaner, fünf Frauen und fünf Männer, sehen älter aus, beinahe alterslos. Sie sind stumm, abwartend, scheu. Es sind Patienten aus dem Irrenhaus von Valona.

Sie haben einen anstrengenden Tag hinter sich. Alles war neu. Die Kleider, die Fahrt im Auto in die Hotelanlage hoch auf den Felsen über dem Meer, die schönen Zimmer mit türkisfarbenen Gardinen und rosa Bettwäsche; neu waren Eigentum, Seife, Zahnbürste, Sonnencreme. Ihnen wurde der Gebrauch der Sitztoilette und der Dusche erklärt. Im Restaurant saßen sie an gedeckten Tischen, hatten Messer, Gabel und Servietten. Den Strand hatten sie aufgesucht, hatten sich in die Wellen geworfen. Einige entdeckten plötzlich, dass sie immer noch schwimmen konnten.

Nun sitzen sie auf der illuminierten Terrasse. Für sie hat etwas begonnen, was es für Insassen eines Irrenhauses eigentlich nicht geben kann – Ferien. Eine Woche lang. Dann kehren sie zurück, und die nächste Gruppe wird kommen; das ist das Programm für die nächsten sieben Wochen. Eine magere Frau im geblümten Kleid und mit straff zurückgekämmten Haaren versucht eine Art Ansprache, sie heißt Zyrako Ruci. Sie nimmt Halb-Acht-Stellung ein, bevor sie zu sprechen beginnt: "Ich möchte Ihnen danken, dass Sie nach Valona gekommen sind. Sie sind gute Menschen. Sie haben uns an diesen schönen Ort gebracht, wo es uns besser geht. Jetzt fühle ich meine Krankheit nicht mehr, weil ich unter euch bin."

Die Heimstatt ihrer Krankheit liegt nur zehn Autonminuten entfernt. Die Anstalt. Zweistöckige Gebäude in Gelb-Rosa, die sich am Stadtrand den Hang hoch ziehen. Tag und Nacht Geschrei, vergitterte Höfe, Gitter vor den Türen, in den Treppenhäusern, vor den Zimmern, Gitter, die nach unübersichtlichen Regeln geschlossen und geöffnet werden. Dann und wann entflieht jemand, wird eingefangen. Im vermüllten Park bewegen sich Männer im gestreiften Drillich, betteln um Zigaretten. Oben, in der so genannten Langzeitabteilung, hocken viele halb nackt oder nackt im Schatten.

Ein deutscher Manager gab seinen Beruf auf, um zu helfen

Das Essen wird in großen Blechkübeln über die brüchigen Treppenstufen des kleinen Klinikparks geschleppt. Die Plastikteller mit Hühnerfleisch, Paprika, Reis lösen Verteilungskämpfe aus. Fleisch, Brot rutschen auf den Boden, die Suppe hat ihn schon vorher glitschig gemacht. Männer rutschen herum, balgen sich um die Brocken. Gewalt liegt in der Luft. Frauen werden zur Strafe für Vergehen bis zur Kopfhaut rasiert. Die meisten besitzen nichts, keine eigene Kleidung, keine Toilettenmittel, keine Erinnerungsstücke; auch ihre Biografie haben sie verloren. Männer liegen in Räumen mit mehr als 20 Betten, verschmutzten Laken, Exkrementen an den Wänden, Gestank überall. Andere hocken in Zellen; einer klammert sich an die Gitter und schreit in fünf Sprachen nach Zigaretten.

Die Gebäude der "Akuten" und der "Chronischen" wechseln sich ab. Die Generaldiagnose ist Schizophrenie. Das Psychopharmakum Haldol wird reihum in die offenen Münder gesprüht, nach Gefühl dosiert. Pflegerinnen und Pfleger sitzen in blütenweißen Kitteln herum, unterhalten sich, scherzen mit Patienten hinter Gittern, schließen auf, schließen ab. Sind sie zu dritt auf der Station, wacht einer, und die beiden anderen gehen nach Hause, um sich ihren Zweit- und Drittjobs zu widmen. Ein Menschenendlager für 260 Patienten. Auch der Direktor, der nie da ist und die Namen seiner Patienten nicht kennt, kommt an seinen Nebenverdienst.