Nervös habe sich "Turbo-Rolf" nach Unfallmeldungen erkundigt, schreiben Sie. Das ist wohl ein Indiz für Schuldgefühle – aber ist es tatsächlich ein Indiz für Schuld? Bekanntlich gibt es unzählige Menschen, die mehr oder minder "zwanghaftes Verhalten" aufweisen: von kleinen Ritualen, wie der Herd auszuschalten ist, bis zum massiven Waschzwang. Eine Spezialform ist die fixe Idee, jemanden überfahren zu haben. Ich kenne das aus eigener Erfahrung und könnte mir vorstellen, dass dies sehr weit verbreitet ist. Aus nahe liegenden Gründen – wer wird sich schon selbst einer strafbaren Handlung zeihen? – spricht man allerdings kaum darüber.

Zweitens: In dieser Woche war zu vernehmen, dass der Verkehr in Deutschland im letzten Jahr 6600 Todesopfer gefordert habe. Ich frage mich, was die zwei Todesopfer des Unfalls, den "Turbo-Rolf" verursacht haben soll, unter der Gesamtzahl der Opfer auszeichnet beziehungsweise was den fraglichen Unfall unter den anderen Unfällen auszeichnet?

Drittens: Ich sehe eine Parallele zwischen der medialen Spiegelung dieses Gerichtsprozesses und den Reaktionen der Hinterbliebenen auf das Urteil im Prozess um das Seilbahnunglück von Kaprun. Anscheinend gibt es die Kategorie des "Unglücks" oder "Unfalls" gar nicht mehr – für alles und jedes ist jemand verantwortlich zu machen.

Viertens: Man liest, dass die Kia-Fahrerin "von der Angst gepackt" worden sei und daraufhin das Fahrzeug verriss. Ich frage mich, woher man das weiß, schließlich könnte die Frau auch eingeschlafen oder einem Bienenstich zum Opfer gefallen sein.

Fünftens: Ich frage mich, warum die Political Correctness noch nicht verlangt hat, Automobile mit Aufschriften wie "Autofahren kann tödlich sein" zu versehen. Anscheinend gibt es ein breites, stillschweigendes Einverständnis darüber, dass unsere technisierte Lebensweise ihre (Todes-)Opfer fordert. Dies erzeugt Unbehagen und Schuldgefühle, mit denen man sich dann und wann in Schauprozessen beschäftigt – naturgemäß mit Ergebnissen, die niemanden glücklich machen.

Sascha Richter, Pausitz

Ich habe den Unfall nicht gesehen, kenne Herrn Rolf F. nicht, habe nichts mit DaimlerChrysler zu tun und fahre keinen Mercedes. Alles, was ich weiß, stammt aus der Presse und dem Fernsehen. Bei der Vorverurteilung der Medien, der schäbigen Entlassung des Mitarbeiters durch DaimlerChrysler bereits vor der Urteilsfindung und bei der Übereinstimmung der Richterin mit der "gesunden Volksmeinung" konnte Rolf F. keinen fairen Prozess erwarten!