Am 3. Oktober 1990 um 20.58 Uhr starb meine 25-jährige Tochter Anja auf der Autobahn in Dernbach, Westerwaldkreis, Südring 8 bei einem Verkehrsunfall. Der Unfallverursacher, in einem großen Mercedes, war unerkannt geflüchtet!

Meine Tochter lebte in Düsseldorf und studierte Gesang. Sie hatte einen schönen Sopran und träumte von einer Karriere als Opernsängerin. Sie war anmutig und schön mit ihrem gewellten, langen dunklen Haar, ihren sprechenden Augen, ihrem anziehenden Wesen und dem für mich schönsten Lächeln der Welt. Sie liebte das Leben, italienische Opern, Paris, die Toskana und auch mich. Sie war die Freude und der Stolz meines Lebens, mein einziges einzigartiges Kind. Es sind die Erinnerungen an Anja, die mein Leben bereichern, gleichzeitig stürzen mich die Gedanken an ihr Sterben noch oft in tiefe Verzweiflung und Trauer.

Nach dem Anruf der Polizei machten wir Eltern uns noch in derselben Nacht per Bahn auf den Weg von Bremen in das Herz-Jesu-Krankenhaus in Dernbach. Der diensthabende Arzt teilte uns mit, Anja sei sofort tot gewesen, ihr Genick gebrochen.

Was mag Anja gedacht haben, als sie die Scheinwerfer des Wagens auf sich zukommen sah? Wir nahmen im Leichenkühlraum Abschied von unserer Tochter. Sie war äußerlich fast unversehrt, ihren Gesichtsausdruck konnte man als mürrisch oder verdrießlich deuten. Hals und Bauch waren aufgrund innerer Blutungen stark angeschwollen.

Man gab mir eine weiße Plastiktüte mit der Aufschrift A. Tetzlaff. Der Inhalt: ihre Kleidungsstücke, spanische Stiefel, ein Paar Jeans, eine bunte, blutbefleckte Bluse, ein schwarzer Slip und ein schwarzer BH, der wohl infolge eines Reanimationsversuches vorne aufgeschnitten worden war. Der Inhalt der Tüte roch nach meinem Kind, ihrem Parfum und nach etwas Befremdlichem – Blut, Schweiß und Tod.

Wir Eltern sahen uns den Unglückswagen an. Durch die Wucht des Aufpralls befand sich der Fahrersitz mit meiner Tochter auf dem Platz des Beifahrersitzes. Das Auto, ein Citroën CX Diesel, verbogen zu einem hufeisenförmigen Klumpen Blech. Auf dem Boden des Autos lagen Glasscherben, dazwischen fand ich einzelne Perlen der Halskette meiner Tochter!

Als Trauernder ist man zuerst eine Sensation. Wenn das Geschehen nicht mehr neu ist, wird man zur Belastung. Ich habe erlebt, dass Bekannte die Straßenseite wechselten, um mir nicht begegnen zu müssen. Die langjährige Beziehung zu meinem Lebensgefährten ist an meiner Trauer gescheitert. Freundschaften hielten der Belastung nicht stand. Es ist unendlich schwer, dem Leben wieder Sinn zu geben, wenn der geliebteste Mensch nicht mehr lebt. Ich wäre so gerne Großmutter geworden.