Colum McCann: Der Tänzer - aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren - Rowohlt, Reinbek 2003 - 474 S., 22,90 e

Als der große, unvergleichliche Rudolf Nurejew noch der kleine, schmutzige Rudik war, saß er jeden Nachmittag auf einer Klippe über der Stadt Ufa und starrte nach Westen, wo die Rote Armee im blutigen Chaos unterwegs war und von wo irgendwann sein Vater zurückkehren musste. Rudik schaute, wartete, schaute. Manchmal tanzte er im Lazarett den Soldaten vor, und dann dauerte es noch 20 ungeduldige, hartnäckige Jahre, bis alle Welt ihm, Rudik, beim Tanzen zusehen wollte. Wie sie auf ihn warteten in den Opernhäusern von Moskau, Paris, New York! Worauf sie aber hofften und wovon sie nachher beglückt waren, das hätten sie selbst nicht ganz zu sagen vermocht, der Einzige, der es kann, ist der irische Schriftsteller Colum McCann. Sein Roman über Nurejew beschreibt das Wesen der Kunst, indem er den Charakter eines Künstlers beschreibt, aber wie dabei die Gründe des Gelingens in der Schwebe bleiben, wie unversehens sich das Menschliche ins Ungeheuerliche, das Kleine ins Große verwandelt, das ist unheimlich. Colum McCann erzählt genauso gut über den Kalten Krieg wie über Nurejews Liebschaften, Ballettschuhe, Gelenkschmerzen.

Diese fiktive Biografie ist mehr als ein historischer Roman. Sie zeigt, wie gefährdet das Schöne ist und wie gefährlich.