Der erste Satz? Hm. Ging ungefähr so: "Heulend lief Julia aus dem Lokal." Genau weiß es Michaela Holzer gar nicht mehr. Nicht, weil sie schon so viele Romane geschrieben hätte, das war ihr erster – aber aus ihm zu zitieren war nie ihre Absicht. Denn ein bisschen peinlich ist er ihr schon.

Die Sache ist die: Im Sommer las sie einen Aushang im germanistischen Institut der Uni München, Inhalt: Wer schon immer einen Roman schreiben wollte, solle sich doch mal bei einem gewissen Jan-Christoph Goetze melden. Dass es sich um Trivialliteratur handelte, stand auch noch dabei.

Seit September vergangenen Jahres vertreibt Goetze personalisierte Liebesromane. Schnulzen, 200 Seiten stark, in denen die Hauptfigur jeder xbeliebige Mensch sein kann. Benötigt werden nur ein paar persönliche Infos – Name, Kosename, Haar- und Augenfarbe, Lieblingsfarbe, Parfüm und solche Dinge. Und dann gibt’s für 19,95 Euro ein paar Tage später den ganz persönlichen Roman. Mit einem selbst in der Titelrolle. E-Mail genügt. Im Angebot hat www.personalnovel.de derzeit acht Romane, Orte des Geschehens: der Hof des König Artus bis zur Missionsstation im brasilianischen Urwald.

Diese Love-Storys muss irgendwer schreiben. Warum also nicht Michaela Holzer, 22, Germanistikstudentin im 3. Semester, die schon als Kind ihren Eltern und Großeltern Pferdegeschichten schrieb, nach dem Abi ein Exposé für einen Frauenroman an ein paar Verlage schickte, derzeit an einem Kinderbuch arbeitet und davon träumt, irgendwann vom Schreiben leben zu können: und das "in einem Garten in Spanien unter Orangenbäumen".

Um einen Groschenroman zu verfassen, bedarf es keiner langen Lebenserfahrung und keiner komplizierten Milieustudien. Michaela Holzer einigte sich mit Goetze auf ein Konzept, als eine seiner ersten Autorinnen hatte sie die Wahl des Schauplatzes: Karibikinsel, mittelalterliche Tafelrunde oder englischer Fürstenhof.

Haarfarbe, Lieblingsessen und Parfüm werden vorgegeben

Die Vorgaben waren schlicht. Eine Beziehung zwischen Mann und Frau soll vorhanden sein, diese Beziehung aber steckt in einer Krise und soll gerettet werden. Dazu ein paar Variablen, ebenjene, die später durch die Angaben der Käufer individuell angepasst werden: beste Freunde, die Stadt, aus der das Paar kommt, Parfüm, Lieblingsfarbe, Lieblingsessen, Haarfarbe, Augenfarbe. "Das macht das Schreiben leichter", sagt die Germanistikstudentin – schwarzer Pulli mit V-Ausschnitt, lange braune Haare, blaue Augen, Lidschatten, brauner Teint.

Also hat sie sich hingesetzt, im Garten zu Hause in Kirchheim, um sie herum Kirsch- und Mirabellenbaum, Teich und Nadelhölzer, und schrieb über die perfekte Liebe, den perfekten Urlaub. Erinnerte sich an Insel-Reisen nach Kuba und Puerto Rico, im Hintergrund sang Bob Marley, und Hoch Michaela schickte wochenlang karibische Hitze nach Deutschland. Manchmal schrieb sie am See, manchmal Abends bei einem Glas Rotwein – weil die Atmosphäre stimmte, flossen die Einfälle für Isla de sueños: Strandspaziergang, Kutschfahrt, Wasserfall, eine mystische Alte – "richtig klischeevoll überladen. Da konnte ich mich wirklich austoben."