Ursprünglich hieß reisen: sich auf den Weg machen. Fort von einem Ort, hin zu einem anderen. Heute legen wir den Weg immer schneller zurück. Und je schneller wir reisen, desto weniger bewegen wir uns. Wer aus dem Flugzeugfenster schaut, hat den Eindruck, rasend still zu stehen. Und wer so dem Raum enthoben ist, für den zählt nur noch die Zeit. Reisen heißt heute: warten auf das Ankommen. Mit dem Verschwinden der Passage ist aber auch das Erlebnis beim Unterwegssein auf der Strecke geblieben. Wir haben dem "Dazwischen" ein ganzes Heft gewidmet, ein Passagenwerk mit ganz unterschiedlichen Passagieren. Nomaden, Pilgern, Entdeckern, Grenzgängern.

Für Nomaden ist das Unterwegssein Existenzbedingung, ein flüchtiges Eingebundensein in die weite Welt. Die Fulbe sind das vermutlich größte nomadisierende Volk Afrikas. Wir haben die Hirten begleitet, als sie wie jedes Jahr im Winter zum Abschluss einer langen Wanderschaft ihre Rinder durch den Niger trieben. Eine nomadische Existenz führte auch der jüdische Philosoph Vilém Flusser. Nur wenn sich die Menschen bewegen, können sie einander begegnen, hieß sein Credo.

Der Pilger glaubt daran, dass ihn der Weg zu Gott bringt. Tatsächlich sind uns auf dem Ökumenischen Pilgerweg durch Thüringen ein paar Engel erschienen, aber auch ein paar Zweifel gekommen. Ähnlich wie der Kunststudentin Christiane Fichtner, die mit dem Traktor von Bremen in das französische Örtchen Galan tuckerte. Bei Tempo 19 bleibt viel Raum zum Nachdenken. Über die Kunst und das Leben. Etwas weniger anstrengend ist es, wenn man sich den Raum auf einer Frachtschiffreise nach New York nimmt.

Den Raum erkunden, das war das Ziel der großen Entdecker. Vor 200 Jahren stießen Lewis und Clark in die unbekannte Weite des amerikanischen Westens vor. Zum Jubiläum wird die dreijährige Expedition originalgetreu nachgespielt. Wie schwierig es ist, das Gestern ins Heute zu retten, konnten wir am Start in Kentucky verfolgen. Einen Schritt in die Vergangenheit unternahm auch Gregor Hens. Der Schriftsteller war für uns in der Inselwelt diesseits und jenseits der Datumsgrenze unterwegs. Wenn in Fidschi der 25. Dezember ist, feiern die Samoaner noch Heiligabend.

Wer unterwegs ist, muss Grenzen überschreiten, und zwar immer wieder neue. Am 1. Mai tritt Polen der EU bei. Ukrainer, die nach Polen wollen, brauchen ein Visum. Wir erzählen die Geschichte von Oksana Owerko, einer ukrainischen Putzfrau, die Schnaps und Zigaretten schmuggelt, um zu überleben. Die Grenzen sind für sie so eng gesteckt, dass ihr kaum Raum zum Atmen bleibt. Sie weiß, dass das Leben auf der anderen Seite besser ist. Doch grenzenlose Bewegungsfreiheit gibt es nur für die Zugvögel – und die sind leider auch nicht bei allen beliebt, wie uns die Ringelganstage auf Hallig Hooge zeigten.

Am Ende ihrer Passagen angekommen, waren sich unsere Autoren eins mit dem Dichter Lord Byron, der einmal sagte: Das Wesen des Reisens liegt nicht darin, wohin man reist, sondern in dem, was man auf dem Weg dahin sieht und lernt. Also dann: Gute Reise!