Die folgenreiche Sitzung fand im letzten Sommer in München statt. Die Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte (Gema) wählte einen neuen Aufsichtsrat, eigentlich ein Routinevorgang. Nach altem Brauch gehen drei der sechs Sitze an die Komponisten der so genannten Ernsten Musik und drei an die Unterhaltungsmusiker. Aber dieses Mal kam es anders. Die Kommerzfraktion – in der Vollversammlung zehnmal so stark vertreten wie die E-Komponisten – leitete den U-turn ein: Alle sechs Plätze wurden von ihr besetzt, alle Anträge der Avantgarde abgeschmettert. Der Pop meuterte gegen die Kunst. Hans Zender, Komponist der Oper Don Quijote, verließ türenschlagend den Saal.

Bei der Gema, dem verlängerten Arm aller deutschen Musikurheber, geht es um viel Geld. 312 Millionen Euro verteilt sie im Jahr an ihre 60000 Mitglieder, zu denen neben Komponisten auch Textdichter zählen und Verleger und eine Menge Leute, die keine Noten lesen können, aber klanglich irgendwie kreativ sind. Bisher war es Konsens, dass E-Musik und U-Musik getrennt bewertet werden und Erstere mehr Geld pro Werk bekommt, denn "das heitere Genre" (so hieß es einst) bringt mehr ein, das "ernste" macht mehr Mühe. Seit ihrer Gründung vor gut hundert Jahren berücksichtigt die Gema beim Geldverteilen, dass eine Minute Sinfonie, aufwändig zu erzeugen und nicht täglich gespielt und gesendet, etwas anderes ist als eine Minute Schlager. Ohne diese Einsicht wären die deutschen E-Komponisten im 20. Jahrhundert mit dem Aufführungsrecht in der Hand untergegangen. Die Formel drückte auch einen sozialen Konsens aus über den Wert einer autarken, riskanten, unrentablen Kunst. Dieser Konsens ist jetzt bedroht. Die Eventgarde hat die Avantgarde satt.

Nicht nur in der Gema ist der Bewusstseinswandel zu spüren. In den Publikationen des Deutschen Musikrats kann man lesen, dass die "Popularmusik" dort künftig "einen festen Platz in allen strategischen und inhaltlichen Überlegungen" einnehmen werde; man möchte "Grenzen überwinden". An anderer Stelle erfährt man, dass das Förderprogramm für Aufführungen neuer Musik "evaluiert" werde und "Einsparungen" nötig seien. Im Musikratsmagazin MusikForum darf Dieter Bohlen stramm vorangehen: "Bach und Beethoven würden heute dieselbe Musik machen wie ein Bohlen. Umgekehrt gilt das für mich natürlich auch."

In der Logik von Josef Goebbels

Auch die Kulturstaatsministerin Christina Weiss – eine erklärte Liebhaberin der zeitgenössischen Kunstmusik – meint zu E und U, es spiele "letztlich keine besondere Rolle, welcher Art diese Musik ist". Was man durchaus auf Fördermittel beziehen darf wie Monika Griefahn. Sie leitet den Bundestagsausschuss für Kultur und Medien und möchte "aus wirtschaftlichen Gründen" die "traditionellen Schubladen überdenken", immerhin mache die U-Musik im Tonträgerumsatz 92 Prozent aus. Sie meint damit aber nicht, man müsste den anderen 8 Prozent helfen. Und richtig deutlich wird Udo Dahmen, Leiter der Popakademie Baden-Württemberg: Da Pop nun einmal "Ausdrucksform der heutigen Zeit" sei, solle man auch "die Verteilungskriterien der Gema, der Städte und Länder und des Bundes" überdenken.

Dem Komponisten Wolfgang Rihm kommen solche Argumente vor, als müsse man "nach ausreichender Biobauern-Förderung nun endlich McDonald’s unterstützen, weil so viele Menschen dort essen". Sein Kollege Helmut Lachenmann zürnt über "Gesinnungsterror und Oberflächlichkeit", die sich in den Statements verrieten. "Ausdrucksformen der heutigen Zeit" seien schließlich auch RTL oder die Möbel, die man sich ins Haus stellt. Kunst sei aber "Ausdrucksform des Menschen bei der Suche nach Sinn". Gerade die Unabhängigkeit vom Markt habe Werke der Vergangenheit "zu einem Wirtschaftsfaktor" gemacht.

So häufig ist bei den Angriffen auf die E-Komponisten vom "Elfenbeinturm" die Rede, den es zu verlassen gelte, als müsse man den Neutönern endlich den Dünkel austreiben. Als würden sie, wie vor hundert Jahren, noch immer auf ein "dem Weltenlärm entrücktes hochideales Kunstschaffen" pochen. Als wüssten nicht sie selbst am besten, wie "künstlich" die Teilung in E und U ist. Die Musik lebt von jeher mit den und durch die Wechselwirkungen zwischen "trivialer" und "artifizieller" Sphäre, in Gustav Mahlers Sinfonien genauso wie in Penny Lane von den Beatles. Ihr Niveau ist nicht über den Grad ihrer Komplexität zu bestimmen. Und das "kritische Potenzial", das die Avantgarde gern für sich in Anspruch nimmt, findet man auch beim Star Spangled Banner von Jimi Hendrix. Das Begriffspaar E und U meint nicht "edel" und "ungut". Es ist einfach ein ziemlich deutscher Versuch, die Artenvielfalt zu beschreiben und zu erhalten. Die Gema fungiert auch nicht als Kunstrichter. Sie entscheidet anhand des "Nutzungszusammenhangs" über die Einstufung in U- und E-Musik, alles, was – vereinfacht gesagt – in der Diskothek erklingt, ist U und was auf den Notenpulten der Philharmoniker liegt, E. Eine Bewertungskommission entscheidet über die Zweifelsfälle.

Hilft diese Regelung nun der Avantgarde, sich auf Popkosten zu mästen? Schwerlich. Ein neues zehnminütiges Streichquartett wird in einem utopisch günstigen Fall zehn Mal im Jahr aufgeführt, und wenn der Schöpfer sehr, sehr berühmt und schon lange Mitglied ist, kriegen er und sein Verlag 4359,79 Euro von der Gema. Ein Drei-Minuten-Song bringt es demgegenüber leicht auf 3000 Sendetermine im Jahr – 45630 Euro. Dass das Quartett dabei auf einen Minutenwert von 43,60 Euro kommt, der Song aber nur auf 5,07 Euro, ist vor diesem Hintergrund vielleicht nicht ganz so schwer einzusehen wie eine andere Regelung, die sich durch alle Debatten gerettet hat: Eine Minute TV-Reklame-Klingklang, im ZDF gesendet, ergibt rund 100 Euro, mit jedem Werbeblock aufs Neue.

Da wirkt es zynisch, wenn der Werbekomponist Ralf Weigand, frisch in den Gema-Aufsichtsrat gewählt, gleich die Trennung zwischen E und U infrage stellt. Vielleicht hat er vergessen, in welche Nachbarschaft er damit gerät. Schon lange vor dem Neoliberalismus hat einer aufs Faustrecht des Massenerfolgs gesetzt und die besondere Vergütung der E-Musik als "glatte Absurdität" bezeichnet. "Die was können, ernähren z. T. wenigstens die Ernsten, d. h. oft die Nichtskönner", schrieb Joseph Goebbels anno 1940 und ergänzte: "Ich schaffe das gleich ab." Wie es dann für ein paar Jahre geschah.

Sollte es wieder geschehen, hat Enjott Schneider einen Tipp für die Kollegen. Der Filmkomponist (Ramadama , Schlafes Bruder), ebenfalls im Aufsichtsrat der Verwertungsgesellschaft sitzend, sieht das Hauptproblem in der Unattraktivität neuer Musik. Er rät den schwierigen Kollegen, sie sollten "zugänglicher" komponieren. In der DDR hieß das "optimistisch" und "volksverbunden". Schneider empfiehlt den Neutönern, ihre Ansprüche "einer breiten Bevölkerungsschicht" anzupassen, damit sie die Fünfprozenthürde im Rundfunk überspringen. Als hätten nicht die öffentlich-rechtlichen Sender den Anteil an Neuer Musik derart reduziert, dass man gar nicht erst den Weg zu ihr findet.

Die Nutznießergeneration

Außer im richtigen Leben. Ganz gegen das Gesetz des Marktes strebt die Hälfte aller deutschen Konzertbesucher Veranstaltungen der "Klassik" an, und davon profitiert auch neue Kunst. Ensembles für Zeitgenössisches haben wachsendes Publikum, und wenigstens eine Hand voll nichtkommerzieller Komponisten wird mit Aufträgen versehen. Fast 19 Prozent beträgt der Anteil urheberrechtlich geschützter E-Musik am Gema-Ertrag für "lebende Musik". Was nichts daran ändert, dass die meisten Komponisten ein erbärmliches Einkommen haben. Und die Häme dazu. "Nur was sich nicht rechnet, ist wirklich Kunst", verspottete unlängst der stellvertretende Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung in einem Leitartikel das "endlose, eifrige Gejammer" der "Künste" und "Kulturfunktionäre".

Der Rechtfertigungsdruck wächst. "Wir müssen", schrieb Hans Zender kürzlich, "mit Geduld und Nachdruck der Gesellschaft erklären, was wir eigentlich tun." Das klingt schon fast wie ein Schostakowitsch, der sich unter Stalin gegen Formalismusverdacht verteidigen muss. Und wie erklärt man das Anliegen "der" Gesellschaft? Wenn schon der viel gespielte Wolfgang Rihm sich musiksprachlich wie ein "Ausländer" inmitten der "flächendeckenden Permanenz des U-Idioms" fühlt, sind dann die weniger Berühmten bald nur noch Asylbewerber aus Avantgardistan?

Avantgardistan ist freilich auch eine Insel der Träumer. Zur Aufsichtsratswahlsitzung bei der Gema waren nur 20 Komponisten erschienen, obwohl Hunderte zur Abstimmung berechtigt gewesen wären. Und Helmut Lachenmann, einer der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit, soll seinem Nachbarn im Saal die Frage gestellt haben, wer der grauhaarige Herr da vorn eigentlich sei. Der Herr war der Generaldirektor der Gema.

Der SWR-Redakteur für Neue Musik, Hans-Peter Jahn, beklagt in einer Umfrage der Zeitschrift Musik & Ästhetik die "Bettflaschenmentalität" der Komponisten. Von ihnen kämen so gut wie keine Impulse, der prekären Situation entgegenzuwirken. "Die Streichung von Sendeplätzen innerhalb der Kulturprogramme, die ersatzlos gestrichenen Kompositionsauftragsmöglichkeiten der öffentlichen Hand, die gravierenden Etatreduzierungen der Klangkörper in der Republik lassen die Nutznießergeneration kalt." Allerdings zählen die wenigsten zu den Nutznießern. Vielen Kollegen, sagt der junge Komponist Moritz Eggert, "geht es so schlecht wie noch nie seit den Nachkriegsjahren".

Die Verteilungskämpfe werden sich weiter verschärfen, zumal bei dem Ruin des Tonträgermarktes durch Raubkopien. Die deutsche Schallplattenindustrie will 40 Prozent weniger für Lizenzen zahlen wegen drastischer Umsatzeinbußen. Damit gingen der Gema und ihren Künstlern 40 Millionen Euro im Jahr verloren. Michael Karbaum aus der Gema-Chefetage kommentiert lapidar: "Dann ist Feuer am Dach."