Hallo? Sind Sie vielleicht Pensionist? Derzeit nicht berufstätiger Berufstätiger? Langzeitstudent? I-de-al! Dann sind Sie schließlich schon längst auf eine eigene Perspektive angewiesen. Ganz nach der Devise: Meine Zukunft gehört mir. Sie sind wer, und Sie haben Zeit. Aus beidem sollten Sie etwas machen. Und natürlich ein Buch, was sonst?

Sie trauen sich das nicht zu? Aber, aber. Warum sollten gerade Sie nicht begabt sein? Denken Sie an Ihre Deutschaufsätze. Ihre Tagebücher. Die Liebesbriefe. Na also. Im Übrigen kann man sich auch helfen lassen. Es muss nicht gleich jemand von der Bild- Zeitung sein, das können Sie sich sowieso nicht leisten, und so richtig prominent sind Sie schließlich nicht. Noch nicht. Soll ja erst werden.

Muss aber auch nicht sein: Da gibt es doch ganz andere Möglichkeiten. Oder ist Ihnen nicht auch schon seit einiger Zeit aufgefallen, dass immer mehr neue Autorinnen und Autoren auf den Plan treten, die vorher eine so genannte Schreibschule absolviert haben? School of Writing oder, wie man da so sagt, Häschenschule. Da lernen Sie vielleicht nicht, wie’s geht, aber jedenfalls, wie’s nicht geht. Ist auch schon was.

Nein, Namen wollen wir hier lieber keine nennen, die Damen und Herren haben das nicht so gern. Auch die Adressen der diversen Institute holen Sie sich besser aus dem Internet. Die Zeiten, da so etwas ehrenrührig war, das können wir versichern, sind jedenfalls längst vorüber. Im Gegenteil: Vielleicht ist der Nachweis eines Schreibkurses längst Vorbedingung für den ersten Verlagsvertrag, und bloß Sie haben das noch nicht gemerkt. Wehe, Sie verschlafen da etwas.

Und schreiben wollten Sie doch immer schon. Nein, natürlich nicht irgendwas. Einen Roman, klar. Amerikanisches Format sozusagen, saftig, dass es nur so tropft. Warum sich dabei nicht von einem Schreiblehrer zur Hand gehen lassen? Oder von einer Schreiblehrerin?

Fallen Sie bloß nicht auf den Satz herein, es gebe schon zu viele Bücher. Glauben Sie mir, das sagen nur Verleger, und die meinen immer die Bücher der anderen Verleger. Hunderttausend neue jedes Jahr, mein Gott, das ist nicht wenig, aber selbst wenn, warum sollte ausgerechnet Ihr Buch das eine zu viel sein?

Aha. Ach so. Das Ding liegt schon in der Lade. Etwas abgegriffen, aber durchaus noch lesbar, sagen Sie? Ich sage: Schmeißen Sie es weg. Fangen Sie neu an. Sie hatten bloß nicht das richtige Thema, das ist alles. Es kommt nur darauf an, den richtigen Plot zu finden (ja, schreibt man mit einem t, kommt aus dem Englischen). Weiße Neger, Hermaphroditen, die eigene Freundin – das alles gibt es schon. Ansonsten aber ist fast jeder Stoff recht. Versuchen Sie’s mit einem Weißen, der schwarz ist. Einem transsexuellen Hund. Dem Liebesleben Ihrer Mutter. Hauptsache, Sie schreiben. Die deutsche Literatur braucht neue Autoren, dringend, verstehen Sie?