Wo ist die Grenze des eigenen Körpers? Schwer zu sagen, aber vermutlich eher an den Rändern als in der Mitte, zum Beispiel an Händen und Füßen oder an der Nase. Man nennt diese Teile Extremitäten. Wie wahr!, dachte ich auf einer Reise durch Grönland, an den Extremitäten war es mir extrem kalt. Einmal, als unser Schlitten stoppte, drückte der Schlittenführer mit dem Daumen auf meine Nase. Zuerst dachte ich, der Eskimo wolle sich einen vielleicht landesüblichen freundschaftlichen Scherz erlauben. Dann aber bedeutete er mir, die strumpfartige Wollmaske, die ich unter der Kapuze meiner Seehundfelljacke trug, über Mund und Nase zu ziehen. Erst später begriff ich, dass der Mann meine Nase gerettet hatte. Bleibt sie nach dem Drücken weiß, ist Gefahr im Verzug. Ohnedies hatte ich wassergefüllte Blasen an den tauben Fingerspitzen. Meine Skihandschuhe taugten nicht für diese Breiten, alle anderen trugen Fäustlinge. Aber als ich den Fehler bemerkte, war es zu spät. Der Däne, der mit uns fuhr, tröstete mich. Erst wenn die Fingerspitzen schwarz würden, sei es wirklich gefährlich. Die Grenzerfahrung der Kälte: In Grönland habe ich sie erlebt. Ich war nach drei Tagen auf dem Schlitten und einer Zeltnacht auf dem Eis so durchgefroren, dass ich glaubte, das ständige leise Zittern in mir werde nie mehr aufhören. Im Hotel setzte ich mich in die knallheiße Badewanne, betrachtete meine bizarr verformten Finger und dachte, dass der Mensch nicht gut ausgestattet ist. Seine Grenzen sind schwer zu schützen.