Die solideste Grenzerfahrung bietet in Europa noch immer Russland; auch nach dem Untergang der Sowjetunion. Man muss allerdings mit der Bahn einreisen, um das volle Erlebnis des Systemwechsels zu haben. In Brest an der polnischen Grenze ändert sich die Spurweite; und das sagt sich leichter, als es in der Praxis zu bewältigen ist. Alle Waggons, die eben noch durch halb Europa auf der Normalspur rollten, müssen angehoben werden, um die alten Achsen gegen neue auszutauschen, die sich für die imperiale Breitspur eignen. Russland lebt auf größerem Fuß. Russland, auch das so genannte weiße, ist kein Kinderspaß, das merkt man gleich, wenn man die Eisenbahner schuften sieht. Der Reisende, wenn er die begleitenden Zollformalitäten überwunden hat, kann sich die Füße vertreten. Sein Atem zittert als Nebelfetzen ängstlich in der klaren Luft. Die mitteleuropäische Puppenstube endet hier.

Es dehnt und reckt sich mit den Achsen auch der Geist des Reisenden. In den Gedächtnisraum, aus dem die Bequemlichkeitsvorstellungen des Westens verschwinden, strömt die Literatur ein. Wir fahren mit dem berühmtem Nachtzug von Warschau nach Moskau, in dem Dostojewskijs Roman Der Idiot seinen Anfang nahm. Fürst Myschkin sitzt nebenan. Rogoschin beginnt seine widerliche Fragerei. Birken und Kiefern, Kiefern und Birken bis an den Horizont. Die goldenen Kuppeln der Orthodoxie. Wir haben die letzte Grenze überschritten, die zu überschreiten sich lohnt.