Angekommen in Guatemala, über Mexiko und Belize, ziemlich müde und hungrig, blümerant. "Guate! Guate!", riefen die Scouts auf dem großen, staubigen Platz, wir wussten nicht genau, wohin wir sollten, Richtung Tikal auf jeden Fall, also rüber auf die andere Seite des Busbahnhofs, wo sie alle aus irgendwelchen Gründen winkten wie wild. Wir waren seit fünf Wochen unterwegs, Rucksack-Traveller kurz vor dem Abitur, wir, Peter, damals der beste Freund, und ich, frisch gedemütigt durch eine just verflossene Liebe. Wir warfen unsere Rucksäcke aufs Busdach, wo sie mit Koffern, Säcken und kleinen Kaninchenställen vertäut wurden. Dann rein in den alten Mercedes-Bus, Peter irgendwo links, ich rechts, neben mir eine schlafende Indio-Frau um die fünfzig in einem bunten Kostüm.

Die A-Seite der Kassette wies fünf, die B-Seite vier El Corazón- Songs aus. Der Fahrer spielte sie gern mit voller Lautstärke, und er besaß eine unerhörte Gewandtheit darin, die Seite zu wechseln, ehe eine corazón lose Pause entstehen konnte. " Corazón, corazón!", plärrte es ohne Unterlass. Ich war nahe am Wahnsinn. Hellwach dazu. Peter döste, die Guatemalteken um uns herum schliefen irgendwie. Die alte Karre fuhr seit Stunden 30, mehr ließen die Schlaglöcher nicht zu. Und dann geschah es, kurz vor Chichicastenango.

Seite B, Lied drei. Rechts neben mir die Indio-Frau, zu Füßen ein Korb mit zwei Hühnern, an den Spindelbeinchen zusammengebunden. Das Fenster auf ihrer Seite geschlossen und beschlagen. "Cooooo-rasssson, mihihihi Corassooooo-hoon!" Von Beginn der Fahrt an hatte sie neben mir geschlafen, den Kopf zwischen die Arme, die auf der Vorderbank lagen, gesteckt. Dann ging es einige herbe Serpentinen hinab in eine Ebene; es schaukelte. Plötzlich richtete sich die Frau auf, drehte ihren Kopf herüber, starrte mich regungslos an und übergab sich dann gründlich und ohne Hemmung. Sodann wischte sie mit dem Ärmel ihres Kostüms über den Mund wie ein biertrinkender Arbeiter, hustete kurz, legte ihre Arme auf dem Vordersitz ab, versenkte ihren Kopf und schlief weiter. In Chichicastenango angekommen, packte sie ihren Hühnerstall, stieg grußlos aus und verschwand im Markttrubel.

Es dauert Stunden, bis halb verdauter Maisbrei trocknet. Man braucht zwei Tage, um darüber hinwegzukommen, dass die Rei-in-der-Tube-Tuben leer sind. Man braucht Jahre, die Trauer um das meistgeliebte T-Shirt zu verwinden. Die gedemütigte Seele aber wird ein Leben lang darum kämpfen, das Wörtchen corazón von erbrochenem Maisbrei rein zu halten.