Ich war 22, als mich erstmals der Gedanke streifte, ob ich nicht langsam mal etwas für die Ewigkeit hinterlassen sollte. Etwas Großes, eine Tagebuchausgabe in 200 Bänden vielleicht oder einen visionären Wolkenkratzer oder zumindest einen später mal nach mir benannten Fußball-Dribbeltrick. Ich weiß nicht mehr, warum, aber ich entschied mich dann für eine Fahrradtour über die Alpen, etwas Hannibalhaftes, einmal Garmisch–Verona, etwas, von dem ich noch meinen Enkeln würde erzählen können. Ich hatte damals noch nicht einmal Kinder. Und hinter meinem Ehrgeiz verbarg sich gut versteckt – so gut, dass ich sie nicht bemerkte – allenfalls die Ahnung, dass das Leben endlich sein könnte. Sogar meins.

Schon vor der ersten Kehre begann ich zu schieben.

Es schneite. Ich hatte zu viel Gepäck. Oder hatte ich zu wenig Kraft? Ich konnte die Passhöhe nicht sehen. Ich war ja noch nicht mal über der Baumgrenze! Ich schob bergauf, und es ging bergab mit mir. Ich kam auf sehr grundlegende Gedanken. Japse ich, weil die Luft so dünn ist, oder liegt das an mir? Ich schob. Gilt eine Alpenüberquerung auch geschoben? Ich schob. Ist das Rauschen in meinen Ohren noch normal? Ich schob. Wie schnell kann ein Herz eigentlich schlagen? Ich schob. Und schlägt es wirklich 70, 80 Jahre lang? Ich schob. War irgendwo hier nicht auch Ötzi auf der Strecke geblieben? Ich schob. Wieso "auch"? Ich schob. Könnte es etwa sein, dass ich die Welt doch nicht aus den Angeln heben kann? Ich schob. Da hatte ich sie also, die raue Wirklichkeit der Bergwelt: Ich war das erste Mal dem Alter begegnet, meinen Grenzen. Ich schob.

Nach zwölf Kilometern, fünf Stunden und dieser einen Erkenntnis war ich oben. Im Nebel. Die Straße verlor sich im Nichts. Irgendwo dort unten musste Meran liegen, Promenaden, Straßencafés, la dolce vita. Heute Abend würde ich essen gehen, statt auf meinem Campingkocher Nudeln aufzuwärmen. Vielleicht würde ich mir sogar mal ein Hotelzimmer gönnen statt eines Zeltplatzes. Meine Jugend war beendet. Ich würde jetzt einfach nur rollen lassen.

Ich stieg auf und fuhr am Grenzhäuschen vorbei, unterm geöffneten Schlagbaum hindurch in den Nebel. Ich rollte. Ich rollte ins Alter, in die Sterblichkeit, als aus dem Nebel ein Schild auftauchte. Auf dem Schild stand: "Fahrradfahren verboten".