So häutet sich der Osten: Anfang der neunziger Jahre wurde in Berlin-Pankow, im Wohnhaus des ehemaligen DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, die literaturWERKstatt gegründet, und in diesem grau melierten DDR-Ambiente, naturbelassen zwischen zerschlissenen Polsterstühlen und matten Lampen, wurde die DDR-Literatur neu zusammengesetzt. Jetzt, im März 2004, hat die literaturWERKstatt passende Räume mitten im bohemeumraunten Stadtteil Prenzlauer Berg bezogen, auf dem ausschweifenden Gelände der Kulturbrauerei, und abermals ist sie auf der Höhe der Zeit. Ein Veranstaltungsraum im Erdgeschoss, mit funktionalen Lampen- und Toninstallationen sowie zweckmäßigen Theken an zwei Seiten, an der Stelle, wo früher das Nutzholzlager der Schultheiss-Brauerei war: so stellt man sich das in dieser kunstgeschwängerten Umgebung vor, da kann es brodeln.

Die Eröffnung des neuen Hauses war ein hübsch choreografiertes Defilee verschiedener Autoren. Man hatte in dieser Einrichtung schon immer ein ausgesprochenes Gespür für Effekte. Im eigentlichen Veranstaltungsraum wurden nur Grußworte gesprochen und anschließend Bier getrunken, und man hatte Heimvorteil: Der ansonsten eher scheue Kultursenator Thomas Flierl blieb hier noch lange stehen. Vorher aber liefen immer drei Lesungen parallel, die jeweils eine Viertelstunde dauerten – und zwar im Sekretariat, im "Besprechungsraum" sowie im "Projekteraum". Dabei hüpften die Autoren hin und her: Felicitas Hoppe fing um 20.15 Uhr im Besprechungsraum an und hörte um 21.55 Uhr im Sekretariat auf, jeder der neun Autoren war zweimal dran, nur Volker Braun blieb bei seinen beiden zeitlich versetzten Auftritten im Besprechungsraum, dem engsten und stickigsten, den es gab – ein Schelm, wer dahinter nicht ästhetische Überlegungen vermutete.

So tummelten sich die Massen in den fünf Minuten Pause, die es zwischen den Lesungen immer gab, im schmalen Treppenhaus, ein Happening der flugs dahingeworfenen Bemerkung, des beiläufigen Händeschüttelns und Schulterklopfens, man kam nicht aneinander vorbei. "Die Literatur weiß viele Antworten", hieß ein Aphorismus von Thomas Lehr aus der ersten Lesung im Sekretariat, "man muss jetzt nur noch die dazugehörigen Fragen finden." Dass die literaturWERKstatt dafür ein geeigneter Platz ist, war gleich klar; sie wird auch weiterhin mit ihrer dem Sprachexperiment huldigenden Schreibweise die örtlichen Zeitungsredaktionen in Verzweiflung stürzen. Die Autoren lasen denn auch oft noch unveröffentlichte Texte vor, sie lieferten die Literatur im Rohzustand – "das kannte ich ja noch gar nicht", sagte Thomas Lehrs Frau, nachdem der Autor aus einem umfänglichen Romanmanuskript gelesen hatte; er hatte "zehn bestürzende Minuten" angekündigt. Und Kathrin Röggla probierte ihren Text Ferndiagnose zum ersten Mal aus, ein rhythmisch verdichtetes Großstadtparlando, in dem der "Kontakt" zwischen den beteiligten Personen "einzig darin" besteht, "Ferndiagnosen zu stellen". Sie machte dabei die Erfahrung, dass die Reaktion des Publikums sehr davon abhängig sei, welcher Autor direkt vor ihr gelesen habe.

Nach ihr aber, im Besprechungsraum, war Volker Braun dran, und da prallten die literarischen Zeitschichten, die in der Hauptstadt existieren, aufeinander: Den nervösen Sprachmustern Kathrin Rögglas folgten Brauns politische Anekdoten aus der Tradition Brechts und Kleists – "arm und mächtig und unergründlich – die Geschichte". Lauter Aktenordner füllten die Regale im Besprechungsraum, während ein Stockwerk drüber, im Sekretariat, eher diverse Lexika und Wörterbücher dominierten. Hier beschloss Felicitas Hoppe den Lesereigen: "Für die schöne Literatur bin ich auf immer verdorben." Auf der Treppe aber kam einem mittendrin der wunderbare Adolf Endler entgegen, einer der wenigen wirklichen Helden, die der Prenzlauer Berg jemals hatte. Und er flüsterte leise: "Ich habe ganz traurige Gedichte vorgelesen."