Wer in diesem neuen Maus-Prinzessinnen-Schmöker ein weiteres Machwerk der Fantasy-Welle vermutet, liegt falsch. Wir sind Lichtjahre entfernt von jenen platt fantastischen Epen, die aus Fantasielosigkeit Vierbeiner mit Schwertern ausrüsten. Wenn Desperaux an Hobbit erinnert, dann nicht wegen des Kerkermeisters und dessen Ähnlichkeiten mit Gollum. Die Nähe meint Stimmung. Der kleine Mäuserich Desperaux ist ein Außenseiter unter seinesgleichen – einer, der lieber liest als nagt. Wenn also dieser Winzling sich in die Menschen-Prinzessin verliebt und sie retten will, so ist das, als bräche ein braver Hobbit zum Drachenkampf auf. Es kommt zu wunderbar komischen Momenten.

Desperaux, der von Licht, von Geschichten und vor allem von der Prinzessin schwärmt, wird vom großen Rat wegen unmäusischen Menschenkontakts ins Verlies geworfen. Das abenteuerliche "there and back again" wird noch gesteigert mit einem "und wieder dorthin". Er kann entfliehen und kehrt doch zurück, denn inzwischen weiß er, dass eine besonders maliziöse Ratte die Prinzessin in den Kerker gelockt hat. Also nochmal hinunter, diesmal um die Angebetete zu befreien.

Die Amerikanerin Kate DiCamillo schafft es, selbst in unglaublichen Plots glaubwürdige Wärme zu erzeugen. Das hat in ihrem Roman Winn-Dixie funktioniert. Und das genießt man auch hier, denn wie die Autorin in der Mäuse-Romanze mit extremen Kostümen und Kulissen operiert, so überhöht sie auch Anteilnahme und Sympathie: Immer wieder schaltet sie sich ein, spricht ihre Leser an, erinnert an Erzähltes und spielt mit Vorahnungen. Mündlichkeit in der Schreibe, nicht fein dosiert, sondern voll ausgespielt. Sie steigert dadurch die Spannung und entschärft zugleich den Kerkergrusel. Vor allem aber genießt sie die Rolle der Kommentatorin. Das wirkt gelegentlich übertrieben und kann bei Nichtkennern dieser Spielform auch den Lesefluss hemmen. Es passt aber hervorragend zu den teils höfischen Floskeln, mit denen König und Personal sich präsentieren und die sich andere, auch der rührige Mäuserich, verzweifelt anzueignen versuchen, natürlich mit komischer Wirkung.

Die Einschübe der Erzählerin sind die Kür der Sprecherin des parallel erscheinenden Hörbuchs, die schon die Pflicht – die Handlung – mit Bravour erfüllt. Sabine Ludwig hat das Buch souverän übersetzt, und Rosemarie Fendel kostet jede Möglichkeit des deutschen Textes voll aus. Tragik und Komik, Klamotten-Dramatik und Fallhöhe werden zum absoluten Hörvergnügen. Da ist etwa Desperauxs Mutter, die als Französin von ihrem Sohn stets als von "ein Maus" spricht. Fendel nun parliert, als würde sie ständig und höchst affektiert den kleinen Finger abspreizen. Umso überraschender ist das deftige, wenige Sätze weiter knallende "Ach du schöne Scheiße!" in der Rolle von Desperauxs Bruder. Die karikierende Interpretation nimmt jedoch nicht nur die kokettierende Erzählhaltung auf, sie ist auch eine perfekte Hörhilfe in dem Geflecht aus Handlungssträngen, das an Shakespeares Komödien erinnert. Da ist etwa Meg, Bauernmädchen und Halbwaise, nicht nur tölpelhaft, sondern infolge von Watschenpädagogik auch schwerhörig. Das Stutzen und Stolpern dieser Rolle und ihre Rolle in der Verschwörung der Ratte kommen im Hörbuch noch besser zur Geltung als im Buchtext. Oft reicht ein einziger Ausruf und schon erhalten Fendels Typisierungen die Qualität eines Leitmotivs. Der Tonfall wird zum Runninggag.

Ja, und dieses Finale. Während die Handlung immer vertrackter wird, gewinnt ein anderes Motiv an Klarheit: Suppe! Die Mutter der Prinzessin starb mit dem Suppenlöffel in der Hand beim Anblick einer Ratte. Kein Wunder, dass seither Suppenessen und Zubehör verboten sind, dass sich Berge von Löffeln und Töpfen im Kerker türmen. Das große Festessen wird für die beteiligten Zwei- und Vierbeiner zu dampfender Sehnsuchtserfüllung und löffelweisem Glück.