Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters zieht die sechsjährige Chiaki mit ihrer Mutter ins "Pappelhaus" – so nennen beide das Haus, das in der Sprache der Immobilienmakler "Wohnanlage Pappel" heißt. Die Vermieterin, eine 80 Jahre alte Dame, Frau Yanagi, macht mit ihrem runzligen Gesicht und ihren scharfen Augen Chiaki Angst, und anfangs erscheint sie ihr gar nicht kinderfreundlich. Doch im Laufe der Zeit freunden sie sich an, beobachtet das Mädchen fasziniert, wie Frau Yanagi auf dem kleinen buddhistischen Hausaltar, der sich auf ihrer Kommode befindet, vor dem Bild ihres verstorbenen Mannes, des "Professors", Opfergaben darbringt, vor allem Süßigkeiten, die sie dann aber zusammen mit Chiaki isst. Götter und Tote fordern keinen Verzicht!

Die pechschwarze Kommode mit ihren goldenen Metallgriffen wird zum Mittelpunkt der Geschichte, denn in einer Schublade stecken Briefe, die von Frau Yanagis Bekannten, Freunden oder auch von Unbekannten an Tote adressiert worden sind. Stirbt Frau Yanagi, sollen sie von ihr den Toten zugestellt werden, gegen ein gewisses Honorar zu Lebzeiten, versteht sich. Kurzum, Frau Yanagi ist so etwas wie ein Briefträger fürs Jenseits. Allerdings kann ihr auch jemand zuvorkommen: Jeder, der in die Schublade blickt, muss die Briefe überbringen und dazu vorher selbst sterben.

Chiaki lernt auch die anderen Bewohner des Pappelhauses kennen, Fräulein Sasaki und Herrn Nishioka mit seinem Sohn Osamu etwa, der ein paar Jahre älter ist als das Mädchen, sehr gut kochen kann und für den sie bald Zuneigung empfindet. Doch Frau Yanagi bleibt für sie – nach ihrer Mutter – die wichtigste Person unter den Lebenden.

Mit den Briefen an den geliebten Vater, die Chiaki nun zu schreiben beginnt, wird ihre Beziehung zu dem Toten schon vor der Briefzustellung wieder aufgenommen. Briefschreiben verbindet, auch über diese Grenze hinweg. Und jetzt lassen auch die schweren Albträume nach, unter denen Chiaki gelitten hat, Träume von dunklen Schächten, die sie zu verschlingen drohen. Richtig gesund freilich wird Chiaki nie wieder. Als sie 18 Jahre später vom Tod Frau Yanagis erfährt, ist sie abhängig von Schlaftabletten, hat sie eben ihre Stelle als Krankenschwester gekündigt. Auf der Beerdigung Frau Yanagis wird ihr ein Brief ihrer Mutter ausgehändigt, aus dem sie erfährt, dass ihr Vater, dem sie so ähnlich ist, nicht durch einen Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, sondern sich selbst getötet hat. Chiakis Zukunft bleibt offen, sie hat ihre Schlaftabletten immer bei sich. Vielleicht wird sie gerade deshalb keinen endgültigen Gebrauch von ihnen machen.

Der Roman Eine Schublade voller Briefe der 1959 in Tokyo geborenen Kinderbuch- und Hörspielautorin Kazumi Yumoto scheut ernste Themen nicht: seelische und körperliche Krankheit, Traumatisierung, Tod und Selbsttötung, Unsterblichkeitsfragen, Transzendentes, Religiöses – das alles spielt herein. Besonders aber verfügt die bemerkenswerte Frau Yanagi neben ihrer gut versteckten Güte über jenen Witz und Humor, der das berührende Buch insgesamt auszeichnet. Mit dem metaphysischen Briefkasten in der Kommode entsteht wie mit der nicht totzukriegenden Pappel ein schönes Symbol: Das Schreiben, sei es das von Briefen oder von Literatur, hält die Beziehung zu den Toten aufrecht, sodass ein Kind vielleicht den Verlust seines Vaters verschmerzen kann. Vielleicht.