Kinder an die Macht

Deutschlands Universitäten sind voll von elitescheuen, faulen und praxisfernen Studenten. Alle Universitäten? Nein, ein wackerer Haufen von Studenten der Universität der Künste in Berlin räumt seit sechs Jahren mit diesen Klischees auf. Hinter der grau lackierten Tür des Raums A 115 residieren auf 82 Quadratmetern "Töchter +Söhne" – die erste studentische Kommunikationsagentur Deutschlands. Gegründet 1998 zur Umsetzung des Projekts "HdK goes Multimedia", hat sie sich schnell einen festen Platz in der Berliner Agenturlandschaft erworben. In der Zwischenzeit hat die sich von Anfang an selbstfinanzierende GmbH Projekte für Kunden wie den Axel-Springer-Verlag, Universal Music und Roland Berger realisiert.

Die "öö´s", wie "Töchter + Söhne" branchenintern genannt werden, leiten seit einem Jahr die beiden Geschäftsführerinnen Carolina Cwiklinska und Julia Freund. Die beiden 24-Jährigen gehören zur vierten Generation und stehen dem achtköpfigen Team der festen Mitarbeiter vor, das je nach Auftragslage aus einem Pool von knapp 300 freien Mitarbeitern ergänzt wird. "Auf diese Weise können wir problemlos 10 bis 15 Projekte gleichzeitig übernehmen", sagt Cwiklinska, die im 10. Semester Visuelle Kommunikation studiert. Dabei garantiert der Mitarbeiterpool, der sich aus Studenten verschiedenster Fachrichtungen zusammensetzt, ein Höchstmaß an Interdisziplinarität. Infolgedessen beschränkt sich die Angebotspalette von "Töchter + Söhne" auch nicht auf klassische Werbung, sondern umfasst daneben auch Bereiche wie Logo-Entwicklung, Web-Design, Guerilla-Aktionen und anderes.

Ein weiteres Plus der Agentur ist die regelmäßige Fluktuation der Mitarbeiter. Die festen Mitarbeiter scheiden normalerweise nach einem Jahr aus der Agentur aus, die Freien spätestens mit Abschluss ihres Studiums. "Da aber nie alle auf einmal ausgetauscht werden, geht kein wertvolles Wissen verloren und durch die Neuzugänge bleibt die Agentur jung, unkonventionell und erhält frisches kreatives Potenzial", erläutert Cwiklinska die Vorteile des Generationenvertrages.

Reich werden die Mitarbeiter der Agentur allerdings nicht. Die 334 Euro Gehalt für feste Mitarbeiter sind bei offiziell zwanzig Wochenstunden eher symbolischer Art. Freie erhalten pro Projekt bis zu 250 Euro. Dank dieser günstigen Kostenstruktur steht die Agentur mit einem sechsstelligen Jahresumsatz auf sehr gesunden Füßen. Da kann es sich die Agentur leisten, bei den Kunden wählerisch zu sein, getreu dem Grundsatz "Qualität vor Quantität". Der Gewinn wird zu einem Drittel wieder in die Agentur investiert, den Rest teilen sich die UdK und das Berliner Kommunikationsforum, ein von Studenten geleiteter Verein, der zum Fachbereich Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation gehört und als alleiniger Gesellschafter der Agentur fungiert.

"Wichtiger als die Bezahlung sind aber auch die praktischen Erfahrungen, die man im Umgang mit den Kunden sammelt. Man kann sich ein umfangreiches Netzwerk aufbauen und trägt eine ganz andere Verantwortung als bei Praktika. Insofern dient die Arbeit hier auch als Karrieresprungbrett", erläutert Cwilinska die immateriellen Vorteile der Arbeit bei "Töchter + Söhne". Der Eindruck stimmt. Nicht umsonst engagieren sich namhafte Agenturen wie Springer & Jacoby, MetaDesign und Scholz & Friends im Kuratorium der studentischen "Konkurrenz". "Durch die Zusammenarbeit kann man viele Talente kennen lernen", begründet Thomas Heilmann, Vorstandschef von Scholz und Friends, sein Engagement im Aufsichtsrat von "Töchter + Söhne". Astrid Ramge von MetaDesign ist beeindruckt von "der frischen unverbrauchten Kreativität und dem hohen qualitativen Anspruch, den die Jungkreativen an sich selbst stellen".

Eigenschaften, die auch die Kunden von "Töchter + Söhne" schätzen. Die Unternehmensberatung Roland Berger ließ sich daher von den Nachwuchswerbern eine neue Recruitingbroschüre und verschiedene Stellenanzeigen entwerfen. "Die Mitarbeiter kennen unsere Zielgruppe sehr genau, da sie sich als Studenten selbst noch im universitären Kontext bewegen", erklärt Human-Resources-Managerin Katja Monschau ihre Entscheidung zur Zusammenarbeit mit der Agentur.

Kinder an die Macht

Für die beiden amtierenden Geschäftsführerinnen neigt sich die Arbeit in der Agentur langsam dem Ende zu. Um ihre Zukunft brauchen sie sich aber keine Sorgen zu machen. Die fünfte Generation steht bereits in den Startlöchern und wird ab April das Zepter in Raum A 115 übernehmen. Und die Ehemaligen werden mit ihren exzellenten Kontakten nach Abschluss ihres Studiums auch irgendwo in der Branche unterkommen. Vielleicht sogar bei einer der "erwachsenen" Agenturen.

Weitere Informationen:
www.toechterundsoehne.com