Das Buch ist reine Labsal für den besseren Rest in uns und weit entfernt vom Dreck der Welt. Die sechzehn Erzählungen des Kanadiers Alistair MacLeod, zum größten Teil in den siebziger und achtziger Jahren entstanden, sind Geschichten aus einer Gegend, die wir nach der Überquerung des Atlantiks mit Kurs auf New York mit dem beruhigenden Gefühl überfliegen, endlich wieder Erde unter uns zu sehen. Von oben gleichen Neufundland und Nova Scotia einer vom Meer umspülten blassen Fischgräte unendlichen Ausmaßes. Die Menschen, die an der Mündung des St.-Lorenz-Stroms oder auf vorgelagerten Inseln leben, so beschreibt es Alistair MacLeod, entsprechen der Landschaft. Sie gleichen dem Wasser, haben durchsichtig blaue Augen, rote robuste Haare und eine gesprenkelte Haut. Sie sind schottischer und irischer Abstammung und sprechen und singen, wenn sie, wie meistens, unter sich sind, gälisch.

Georg Büchner schreibt im Lenz, dass die Natur nicht "gewaltsam majestätisch, sondern noch vertraut!" sei. Dieses Büchnersche "noch" schwebt über den Erzählungen. "Noch" ist das Wort auf dem Sprung zum Umkippen. Alistair MacLeod setzt weder Revolver noch Autounfälle ein, um der Handlung eine neue, knallharte Wendung zu geben. Er erzählt, was ihm vertraut ist, alte Geschichten aus unserer zivilisatorischen Vergangenheit, als es noch Generationen gab, die sich den Raum, das Gespräch, die Zuneigung, das Essen teilen mussten, und von Menschen ohne Fernsehen. Selbst Gott wird mit keinem Wort erwähnt.

Die Großväter waren Arbeiter im Kohlebergbau, die Väter Fischer, die Frauen bringen sehr viele Kinder zur Welt, nur die Leuchtturmwärterin gibt ihre einzige Tochter zu Verwandten aufs Festland. Am Leben dieser Frau zeigt der Autor seine Absicht, Landschaft und Begierde in eine spiegelbildliche Einheit zu bringen, Begierde, die hemmungslos ist, zwei Personen, die im Sturm aufeinander prallen und wie Eisschollen übereinander rutschen. Die Lebensgeschichte der Leuchtturmwärterin wird aus der vorsichtigen Perspektive der dritten Person erzählt, aber meistens führt ein Ich-Erzähler durch die Geschichten, deren Figuren weder Bluffer noch Psychohändler sind. Sie verlassen sich auf die Kombination von Erfahrung, Beobachtung und Nachdenken. In den Familien mit sehr vielen Kindern hat alles seine Zeit, auch die Gefühle, die Handlungen auslösen.

Unscheinbare Vielfalt des Lebens

Der Autor hat Geduld, Eigensinn und geübte Augen. Blicke, und besonders die der Hunde entgehen ihm nicht. Vom Tempo der Städte, den saisonalen Querelen, von den Märkten der Eitelkeit, Politik, Reichtum, Moden wissen Alistair MacLeods Figuren nichts. Wie er das einfache Leben und seine unscheinbare Vielfalt beschreibt, das ist einfach großartig. Vergleichbar vielleicht mit dem australischen Poeten Les Murray. "Frag nicht, warum", warnt Les Murray in der eben erschienenen Geschichte des Seemanns Fredy Neptune. Alistair MacLeod stellt die "Warum"-Fragen niemals.

Man kann in diesem Erzählungsband MacLeods, dem 2001 der Roman Land der Bäume in deutscher Übersetzung voranging, eine verdeckte Autobiografie lesen, unterschiedliche Stufen und Perspektiven, Geschichten eines Jungen, der auf der Insel Cape Breton aufwächst, begreift, wie schwer und beängstigend es ist, erwachsen zu werden, und versteht, dass die eigenen Eltern auch ein privates Leben haben. Es sind Geschichten von Frauen, die ihr Haus führen wie Männer ihre blitzblanken Boote, irgendwo hängt auch eine neonbeleuchtete Coca-Cola-Uhr an der Wand, sonst wird solcher Klimbim nie erwähnt.

Alistair MacLeod schreibt keine Geschichte der Dinge, sondern der Landschaft, der Jahreszeiten und der Tiere, die zur Landschaft und zu den Menschen, die mit Nachnamen MacPhedran oder MacAllester heißen, gehören. Schreiende Möwen balgen sich um silberne Heringe, Makrelenschwärme verdunkeln die Wasseroberfläche, andere Tiere, von denen wir Menschen lernen können, sind die Robben, Pferde, Rinder, Hühner und Hunde.

Die Natur ist brodelnder Stoff