Boris Becker wurde schon so oft interviewt, nun will er den Spieß umdrehen: In einer eigenen Talkshow im Deutschen Sportfernsehen will er bei seinen Gästen den "Menschen hinter der Maske", die "Persönlichkeit außerhalb des Platzes" ausfindig machen. Ein in jeder Hinsicht gewagtes Unterfangen, weswegen Boris Becker – wieder mal – eines Ethikrates bedarf.

Nimmt man die Zahl der an ihn gerichteten Ethikrat-Beiträge zur Grundlage, dann ist Boris Becker unter den großen Deutschen der Beratungsbedürftigste. Erst war es seine Kritik an "dickbäuchigen Kommentatoren, die in ihrem Leben keinen Tennisball geschlagen hatten", die dringend einen Rat erforderte. Dann war es Beckers "Faust", nicht die geballte, sondern seine faustische Autobiografie. Und jetzt ist es der schon weit gediehene Plan, in einer eigenen Talkshow Sportler-"Persönlichkeiten" zu begrüßen – zwar "außerhalb des Platzes", wie es in einer Presseerklärung hieß, aber innerhalb eines "Bar-ähnlichen Ambientes". An sich eine bestechende Idee. Dem Ethikrat stellt sich einstweilen die Frage nach dem inneren Zusammenhang aller drei Beratungsfälle.

Sie ist relativ leicht zu beantworten. Denn gleich ob in der Rolle des immer noch mehr oder weniger dünnbäuchigen Tenniskommentators, des Doktor Faust oder des Talkmasters – es drängt Boris Becker offensichtlich, wie in seiner großen Tenniszeit, auch in den Medien die Seiten zu wechseln. Vom Kommentierten zum Kommentator, vom Interviewten zum Interviewer, vom Betalkten zum Talker führt schlüssig der Weg. Die Philosophie des deutschen Idealismus, in der Boris Becker alias Doktor Faust wie wenige zu Hause ist, hat dafür den Ehrentitel eines Subjekt-Objekts gefunden.

Der Ethikrat versteht diese Entwicklung nur zu gut. Wie sonst sollen Stars wie Becker, die in jüngsten Jahren den Höhepunkt ihrer Sportlerexistenz erlebt haben, den langen, lähmenden Rest ihres Lebens überstehen! Keine Frage: Das grenzt ans Tragische. Freilich stellt sich in Bezug auf den Seitenwechsel ein altes, vordergründig nur quantitatives, in Wahrheit qualitatives Problem der philosophischen Lebenskunst neu: das des Maßes. Wenn Becker von Johannes B. Kerner viermal in einer Woche zu seiner Autobiografie interviewt wird und man ihn demnächst mindestens 15 Mal auf der anderen Seite des Tresens entdecken darf, dann scheint ein gewisser Sättigungsgrad erreicht. Der Ethikrat gibt zu bedenken, dass die alte lateinische Weisheit variatio delectat, die Becker in seinem Liebesleben auf das Konsequenteste befolgt, diesseits wie jenseits des Talk-Tresens gilt. Wir dürfen übersetzen: "Der Wechsel erfreut" – und zwar nicht nur der Seitenwechsel. Manchmal macht es Freude, selbst im Fernsehen ein neues Gesicht zu sehen.

Damit kommen wir zur "Maske", hinter die Talkmaster Becker blicken will, weil ihn "die Persönlichkeit außerhalb des Platzes interessiert". Auch das kein schlechter Ansatz, schließlich ist die persona im Lateinischen das, was durch die Maske tönt. Aber kann es denn überzeugen, den Sportler auf dem Platz, der Becker nicht mehr ist, als "Maske" und ausgerechnet eine Talkshow als Stunde der Wahrheit, der unverstellten, der demaskierten Persönlichkeit zu sehen? Und wie reimt sich das alles damit, dass der geplante Sendungstitel Becker 1:1 die Talkshow als "klassische Match-Situation", also doch wieder sportlich, mithin maskenhaft begreift?

Fragen über Fragen. Darf der Ethikrat wirklich hoffen, in Kürze einen ganz anderen, nicht mehr maskenhaften, sondern ganz unverstellt persönlichen Boris Becker in der klassischen Match-Situation einer Talkshow, im Kampf Mann gegen Mann, zu erleben, wenn auch in "Bar-ähnlichem Ambiente"? Wenn aber alle Stricke, wir wollten sagen: Saiten reißen, bietet der Ethikrat Becker einen ganz anderen Seitenwechsel an: vom Ethikrat-Empfänger zum Ethikrat-Verfasser!