Er spricht von ihr. Er muss von ihr sprechen. Wenn er von ihr spricht, ist sie da. Seit zwei Jahren ist sie tot. Wenn er von ihr spricht, lebt sie. Auf dem Barhocker, auf dem Sie jetzt sitzen, da hat Lore immer gesessen, sagt Manfred Karge. Was Medizin nicht heilt, heilt Eisen / Was Eisen nicht heilt, heilt Feuer – das Stakkato habe ich nicht vergessen. Das Stakkato der Räuber - Inszenierung von Karge/Langhoff 1971 an der Ost-Berliner Volksbühne, inspiriert von den Sprechchören der 68er Revolte im Westen.

Karge sitzt auf dem sechsten Hocker von links, ein großer, stämmiger, in sich gekehrter Mann in dunkelblauem Anzug. In sein bleiches, breites Jungengesicht ist das Alter gekommen wie ein Besuch, der sich jede Minute wieder verabschieden könnte, ein Alter, zu dem der weiche, aufgeworfene Mund irgendwie unpassend erscheint. Wir kennen uns seit langem, hatten uns aus den Augen verloren. Karge sagt, dass er jeden Vormittag ins Café Hackescher Hof kommt, seit neun Jahren, seit er in die Gegend gezogen ist, in das Viertel, das vor ein paar Jahren explodierte wie ein Knallbonbon, inzwischen ist das Konfetti verflogen.

Hier fließt alles vorbei, hier kann ich in Ruhe meine Strategie für den Tag machen, sagt Manfred Karge, der Schauspieler, Regisseur und Theaterdichter; er sieht durch die bodenlangen Fenster auf das urbane Idyll aus quietschenden Straßenbahnen und hippen Passanten. Solange er Professor am Regieinstitut war, konnten seine Studenten ihn mit Sicherheit hier finden, falls sie was besprechen wollten. Wenn sie ihn mal nicht antrafen, meinten sie, sich in der Lokalität geirrt zu haben. An dem Morgen, als Lore nicht mit ins Café wollte, wusste ich, dass es zu Ende ist, sagt Karge, wir waren 23 Jahre zusammen, wir haben uns kennen gelernt, als ich in Bochum inszenierte, wir haben alles zusammen gemacht, das Theater, die Musik, Finnland. Als sie starb, hat er es den Mädchen hinter der Bar erzählt. Karges Augen sind wasserblau, er wischt penibel eine kleine Selterslache vom Tresen.

Der Fleischkönig Mauler in Brechts Heiliger Johanna der Schlachthöfe ist seine Traumrolle gewesen; jetzt hat er sie, in dem Theater, wo alles anfing, am Berliner Ensemble. Er spielt den Mauler als melancholischen Vollstrecker des Kapitalismus, gemütvoll und kalt, mit aufgerissener Brust und blutigem Antlitz, triefend wie das Steak, das er auf der Bühne auffrisst. Die Maske schminkt er sich selber, er hat so was noch gelernt: Lore hat sich auch selber geschminkt, sagt er, man kann sich dabei auf die Rolle konzentrieren. Ich decke mich mit Arbeit zu. Wenn nicht so viel zu tun ist, fahre ich nach Finnland und schreibe Lieder mit meinem Freund Toni, der ist Komponist. Können Sie mal eins aufsagen? Moment, Karge zündet sich einen Zigarillo an und lacht mit zusammengekniffenen Augen: Am Hackeschen Markt / Schmeckt der Kaffee wie nirgendwo auf der Welt / Vielleicht noch im Herzen von Helsin-ki / im Kaffeehaus namens Strindberg / Aber nur, wenn mein Schatz ihn bestellt – ich habe es für Lore geschrieben.

Das Café in den Hackeschen Höfen verzichtet auf Musik, hier bilden noch beruhigendes Gemurmel, kurzes Lachen, knappes Rufen und das Klappern der Teelöffel den gleichmütigen Hintergrund für die Mitteilungen des Schicksals. Vielleicht deshalb kommt Karge jeden Tag her. Sechster Barhocker von links, immer.