Normalerweise verfügen Musiker über ein feines Sensorium für ihr Publikum und dessen Wünsche. S-Bahn-Musiker brauchen das nicht, sie wissen, dass ihre Zuhörer nicht entkommen können, spielen sie auch noch so schlecht. Natürlich, Sie können tun, was alle tun: weggucken oder beten, dass es bald vorbei ist. Oder Sie tricksen die Kerle aus.

Jeder S-Bahn-Musiker hat ein anderes, winziges Repertoire, und vielleicht gehören Sie zu den Menschen, die nach einer schlaflosen Nacht Morning has broken nicht so tödlich finden wie ungarische Polka. Dafür ist es gut zu wissen, dass sich unterschiedliche Musiker die Züge ein und derselben Strecke nach Abfahrtszeiten aufteilen (7.10Uhr ekstatischer Bongotrommler, 7.20 drei Querflötenspieler aus St. Petersburg, 7.30 Cat-Stevens-Imitator, 7.40 gelangweilter Bongotrommler et cetera). Nach ein paar Probefahrten können Sie so je nach Stimmung Ihren Wunschzug wählen.

Auch wenn Sie nur ein enges Zeitfenster haben (Bongo oder Querflöte) oder ein neuer Musiker das System durcheinander zu bringen droht, ist noch nichts verloren. Tief auch in dem abgebrühtesten Ruhestörer schlummert ein Rest von Künstlertum (sonst würde er es vorziehen, Sie einfach zu überfallen). Und der Wunsch nach etwas, das ihm verwehrt bleibt: einem echten Publikum.

Zeigen Sie deshalb Ihre Gefühle, nur zeigen Sie sie richtig: Ein mürrisches Gesicht wird von einem großstädtischen S-Bahn-Sänger oder -Spieler als völlig alltäglich gewertet, schlimmstenfalls als Ansporn, La Paloma noch falscher zu schmettern, um endlich eine Reaktion zu bekommen. Überziehen Sie also. Schlagen Sie die Hände vor den Kopf, wenn Sie von diesem Mann Die Moldau nicht ertragen können, halten Sie sich unübersehbar die Ohren zu, wenn das türkischsprachige Epigonenpaar der Wildecker Herzbubn das Jodeln probiert (Sie können sich auch qualvoll auf dem Boden wälzen, wenn Ihre Kleidung das zulässt).

Womöglich beherrscht Ihr Folterer tatsächlich ein zweites Stück und wechselt zu diesem über – schon den Versuch sollten Sie mit Applaus begrüßen.

Zeigen Sie umgekehrt auch, wenn Sie zittrige Simon & Garfunkels vergleichsweise akzeptabel finden. Nicken Sie im Takt, lächeln Sie, klimpern Sie verheißungsvoll mit Münzen, bevor ein anderer auf die Idee kommt, Simon & Garfunkel wegzumobben, zugunsten des am nächsten Halt wartenden Bongotrommlers. Vorsicht vor einem Übermaß an Begeisterung: Was sagen Sie den Kollegen, wenn das traurige Akkordeon-Geschwisterpaar aus Mazedonien Ihnen bis in die Firma folgt?

Zu heftige Kritik birgt eine andere Gefahr: Empfindlichere Kandidaten könnten die Aufführung abbrechen und mit Tränen in den Augen fragen, warum Ihnen ihre Kunst nicht gefalle.