Medizinisch gesehen ist die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) eine simple Angelegenheit. Der Arzt klebt dem Patienten zwei Elektroden auf die Schläfen, schließt die Kabel an und drückt auf "Start". Strom fließt durch die Schädelwand in die Windungen des Hirns, dessen Nervenzellen feuern, und die Muskeln am ganzen Körper beginnen krampfhaft zu zucken. Nach etwa einer Minute ebben die Konvulsionen meist von allein ab, halten sie länger als zwei Minuten an, spritzt der Arzt ein krampflösendes Mittel. "Eigentlich ganz unspektakulär", sagt Thomas Baghai von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München.

Laien allerdings schaudern bei der Vorstellung. Sie verbinden mit einem "Elektroschock" Bilder von kreischenden Irren, die brutal auf die Bahre gerungen werden; von sich aufbäumenden Leibern und in den Fluren hallenden Schmerzensschreien. Selten vergeht ein Jahr, in dem sich Klinikdirektor Hans-Jürgen Möller nicht öffentlich für die EKT vor dem Bayerischen Landtag rechtfertigen muss, immer wieder belagern Demonstranten die Türen seines Krankenhauses. Dabei ist die EKT heute freiwillig und schmerzlos, dank Narkose und moderner Medikamente. Manchen Patienten pocht hinterher der Schädel, und jeder Dritte ist eine Zeit lang unkonzentriert und vergesslich. Doch diese Nebenwirkungen verfliegen in den allermeisten Fällen schnell, und viele Patienten akzeptieren sie willig, im Austausch für etwas ungleich Kostbareres: Der kontrollierte Stromschlag kann Depressionen vertreiben, manchmal noch, wenn alle anderen Therapien versagt haben. Es gibt Patienten, die lächeln danach zum ersten Mal seit Monaten.

Dennoch kann die Entscheidung, sich einem Elektroschock auszusetzen, nicht leicht fallen. Sich dem Entsetzen der Umwelt zu stellen, die eigenen Ängste herunterzuschlucken – wie elend muss sich ein Mensch fühlen, bevor er das tut?

Der Anstand verbietet, der blonden Frau diese Frage zu stellen. Sie ist mittelgroß, mittelalt, mit einem mädchenhaften Pferdeschwanz, und ihr Händedruck ist wehrlos wie der eines Kindes. Aus eigener Kraft tritt sie ins Behandlungszimmer der Münchner Klinik, doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Zustand lebensbedrohlich ist. Unten, auf der Station, wo sie die vergangenen Wochen verbracht hat, hängen dieser Tage wieder die roten Warnschilder, Mahnung an Krankenschwester und Besucher, "keinen Patienten" unbegleitet von der Station zu lassen. Damit ist sie gemeint. Es wird befürchtet, dass sie sich umbringt.

Ohnehin glaubt man ihre Geschichte zu kennen, zumindest in groben Zügen, denn sie wiederholt sich auch unter den eigenen Nachbarn, Kollegen und Freunden. Oft beginnt das Leiden mit dem Gefühl, als sei die Welt ein Stück abgerückt, als sei man, ohne Vorwarnung, von den anderen durch Glas getrennt. Jeden Tag wird es dicker, bis jedes freundliche Wort, jede liebevolle Geste außen daran abprallt. Drinnen, allein, wächst die Verzweiflung, die Panik, sie saugt einen aus. Arbeit, Familie, Hobbys, die Wäsche, der Garten – alles wird zu viel, schließlich reicht die Kraft noch nicht einmal, um ans Telefon zu gehen. Freude und Lachen verblassen zu Erinnerungen und werden ähnlich unerreichbar. An ihre Stelle tritt etwas Totes, starr wie Backstein.

An den schlimmsten Tagen besteht die Welt nur noch aus Aufforderungen zum Selbstmord. Die Besteckschublade: eine Einladung, sich die Adern aufzuschlitzen; der Keller: ein Ort, um sich zu erhängen. Je nach Definition erfüllen jedes Jahr vier bis acht Millionen Deutsche die Kriterien einer behandlungswürdigen Depression; europaweit sind es 33,4 Millionen. Jeden zehnten Deutschen – manche Studien sprechen sogar von fast jedem fünften – wird die Schwermut mindestens einmal in seinem Leben überwältigen. Jeder Sechste von ihnen wird daran sterben.

Auch der Körper nimmt Schaden

Erschreckende Zahlen. Und sie steigen, nicht nur in Deutschland. Anfang des 21. Jahrhunderts ließen sich etwa in den USA 37 Prozent mehr Menschen wegen Depressionen behandeln als noch 1980. An US-Hochschulen gilt bereits jede sechste Studentin als krankhaft depressiv. Niemand scheint vor dem neuen Volksleiden sicher, nicht einmal ein 24-jähriger Fußballmillionär auf der Höhe seiner Karriere, wie der Fall des Sebastian Deisler bewies.

Schon warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass in den entwickelten Ländern keine andere Erkrankung – mit Ausnahme der Herz-Kreislauf-Leiden – heute mehr gesunde Lebensjahre koste. Schwermut schädigt nicht nur die Seele, sondern auch den Körper. Depressive sterben Studien zufolge drei- bis viermal häufiger an einem Schlaganfall oder nach einem Herzinfarkt als mental Gesunde, sie erkranken leichter an Osteoperose und können sich schlechter gegen Krebstumore wehren. Depressiv zu sein, schreibt die WHO in ihrem Jahresbericht 2001, beeinträchtige das Leben so sehr wie Blindheit oder Querschnittslähmung.

Entsprechend hoch ist der volkswirtschaftliche Schaden. In Deutschland verschlingen depressive Erkrankungen Schätzungen zufolge jedes Jahr 17 Milliarden Euro, in den USA sind es, je nach Studie, 44 bis 70 Milliarden Dollar, davon elf Milliarden allein durch verlorene Produktivität, weil depressive Beschäftigte oft nur kraftlos am Arbeitsplatz herumhängen. Woher kommt diese Epidemie der Depression? Mutet uns die Welt mit ihren Ansprüchen an Mobilität, Flexibilität, Individualismus und Eigenverantwortung zu viel zu? Als die Sowjetunion zusammenbrach und mit ihr die Lebens- und Zukunftspläne ganzer Völker, fiel Wolfgang Rutz, dem Regionalbeauftragten der WHO für Europa, auf, dass in vielen osteuropäischen Staaten ein ganzes "Cluster" an Krankheiten und Verhaltensweisen schlagartig zunahm. "Dazu gehörten Depressionen, aber auch Alkoholmissbrauch, Selbstmorde, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Risikoverhalten und Gewaltbereitschaft", zählt Rutz auf. "Es war wie ein Seismograf für den Stress in der Gesellschaft." Viele dieser Dinge sind auch im Rest Europas auf dem Vormarsch. Und Studien zeigen, dass Depressionen ganz besonders in den hoch industrialisierten Ländern zunehmen.

Ein anderer Faktor, sagen manche, könnte die Ernährung sein. Moderne, fabrikgefertigte Lebensmittel enthalten kaum noch die ungesättigte Fettsäure Omega-3, die vor allem in Nüssen und Fisch vorkommt und die eine wichtige Rolle in der Nervenkommunikation spielt (siehe "Nur keine Angst", Literatur, Seite 49). Finnen, die mindestens zweimal wöchentlich Fisch essen, halbieren ihr Depressionsrisiko, entdeckte ein Forscher der amerikanischen National Institutes of Health (NIH).

Eine Rolle könnte auch spielen, dass heute weniger Menschen Gott als den Lenker ihres Schicksals akzeptieren. Studien in Amerika zufolge erkranken regelmäßige Kirchgeher nur halb so oft an Depressionen wie Menschen, die nie einen Fuß in ein Gotteshaus setzen. Ist Schwermut also der Preis für Säkularisierung und Industrialisierung?

Viele Forscher glauben, dass noch ein weiterer Faktor hinzukommt. Wir sind nicht unbedingt depressiver, sagen sie, sondern gehen vielleicht nur schneller zum Arzt. "Früher war das Stigma größer, heute suchen die Leute eher Hilfe", sagt Ulrich Hegerl, der ebenfalls an der Münchner Klinik arbeitet. Das könnte auch die Erklärung dafür sein, dass Frauen mehr als doppelt so häufig wie Männer in Depressionsstatistiken auftauchen – sie geben ihre seelischen Qualen einfach bereitwilliger zu. Dazu kommt: Die Mediziner ihrerseits sind schneller bereit, selbst leichtere seelische Verstimmungen zu behandeln. "Die Psychiatrie hat sich für nicht so massive Störungen geöffnet", sagt Klinikleiter Hans-Jürgen Möller, er nennt sie auch "Verdünnungsfälle".

Schlafentzug hilft – aber nur kurz

Zweifelsohne sind leichte depressive Verstimmungen, die jeden einmal befallen können, nicht mit einer echten, tiefen Depression zu vergleichen. Doch die Unterscheidung fällt oft schwer. Mediziner warnen, dass etwa in Deutschland zwei Drittel aller Depressionen nicht richtig erkannt und behandelt werden – mit teils tödlichen Folgen. Experten gehen davon aus, dass etwa 90 Prozent der Selbstmorde (in Deutschland 11000 pro Jahr) und der Selbstmordversuche (deren Zahl auf das Zehnfache geschätzt wird) im Rahmen einer Depression verübt werden.

Behandelt werden Depressionen heute meist mit Antidepressiva, oft kombiniert mit einer kognitiven Verhaltenstherapie, die dem Patienten hilft, negative Denkmuster aufzubrechen (siehe Interview Seite 36). Auch Sport und eine Behandlung mit Licht haben sich bisweilen als erfolgreich erwiesen (Letzteres allerdings nur bei der saisonalen Winterdepression). In schwereren Fällen experimentieren die Ärzte seit kurzem zudem mit der so genannten transkraniellen Magnetstimulation (TMS), bei der in Kopfnähe ein Magnetfeld schnell auf- und wieder abgebaut wird, um die Nervenzellen zu stimulieren. Ganz neu ist auch die Vagusnervstimulation. Dafür setzt der Arzt dem Patienten einen Impulsgeber in die Brust und verdrahtet ihn mit dem Vagusnerv im Hals (dieser verbindet das Gehirn unter anderem mit den Brust- und Bauchorganen), der darüber alle paar Minuten schwach elektrisch stimuliert wird.

Die wohl schnellste – und verblüffendste – Methode jedoch, das Gemüt aufzuhellen, ist der Schlafentzug. "Die Wirkung ist fantastisch. Eine durchwachte Nacht, und man hat einen anderen Menschen vor sich", sagt Michael Wiegand, Schlafforscher von der TU München. Allerdings genügt oft schon ein Nickerchen am nächsten Tag, und die Wirkung verfliegt.

Gemeinsam ist allen Therapien, dass die Ärzte und Forscher bisher bestenfalls vage Vorstellungen davon haben, warum sie helfen – genau so, wie sie noch immer nicht schlüssig erklären können, warum ein Mensch depressiv wird. Dennoch hören sie es nicht gern, wenn Depression die "unverstandene Krankheit" genannt wird. "Das ist eine Schlussfolgerung, die ich ungern in Ihrem Artikel lesen würde", sagt Möller. "Es klingt so negativ. Wir wissen sehr, sehr viel, nur praktische Handlungsanweisungen sind schwierig." Unausgesprochen schwingt dabei immer die Sorge mit, dass Wissenslücken die Betroffenen davon abhalten könnten, ärztliche Hilfe zu suchen. "Wir können fast jedem helfen", betont denn auch Ulrich Hegerl, der Sprecher des Kompetenznetzes Depression ist, eines Pilotprojekts, das Forscher und Praxisärzte enger vernetzt.

Dass es überhaupt Medikamente gegen die Schwermut gibt, verdankt die Medizin allerdings zu großen Teilen glücklichen Zufällen. Iproniazid etwa, eines der ersten Antidepressiva, wurde Ende der fünfziger Jahre zunächst gegen Tuberkulose eingesetzt, bis den Ärzten auffiel, dass manche Lungenkranke nach der Einnahme regelmäßig euphorisch wurden. Imipramin, ein anderes frühes Antidepressivum, wurde aus Schizophrenie-Studien übernommen, nachdem Patienten dort beängstigend energiegeladen reagierten.

Sowohl Iproniazid als auch Imipramin verändern die Konzentration der Neurotransmitter im Gehirn, einer Gruppe von Chemikalien, die Signale zwischen den Zellen des zentralen Nervensystems übertragen. Dies veranlasste Forscher zu der Hypothese, dass bei Depressiven der Stoffwechsel im Gehirn gestört ist. Die ersten Antidepressiva (genannt trizyklisch, aufgrund ihrer chemischen Struktur) wirkten recht unspezifisch auf mehrere Botenstoffe ein, später entwickelte Medikamente peilen ganz gezielt einen bestimmten Neurotransmitter an, zumeist Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin (am bekanntesten sind die so genannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, SSRI, zu denen auch Prozac zählt). Die meisten Antidepressiva erhöhen die Konzentration des jeweiligen Botenstoffs, doch entgegen einer verbreiteten Fehlannahme ist es nicht einfach das Mehr an Serotonin (oder Noradrenalin oder Dopamin), das "glücklich" macht. Das wissen die Pharmakologen nicht zuletzt deshalb, weil vereinzelt Mittel entdeckt wurden, deren Wirkung auf dem entgegengesetzten Effekt beruht: Sie senken die Konzentration. Tianeptin etwa, ein Antidepressivum, das seit 1988 unter dem Namen Stablon in Frankreich verkauft wird, reduziert den Level von Serotonin im Gehirn. MPI-Mitarbeiter Thomas Nickel verglich das Medikament in einer Studie mit Paroxetin, einem Serotonin-steigernden SSRI. Ergebnis: "Beide waren gleich gut wirksam."

Nicht jede Pille passt

Die Forscher gehen deshalb heute davon aus, dass die veränderte Konzentration an Neurotransmittern eine Kette intrazellulärer Prozesse anstößt, an deren Ende ein antidepressiver Effekt steht. "Stellen Sie sich eine Reihe von Dominosteinen vor, die so aufgestellt sind, dass der erste, der umfällt, den zweiten umreißt und so weiter, bis schließlich, irgendwann, hinten der letzte Stein fällt", sagt Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Institus (MPI) für Psychiatrie in München. So könnten Antidepressiva etwa über Umwege das Wachstum neuer Nervenzellen anregen. Das würde erklären, warum es mindestens zwei Wochen dauert, bis sich ein Depressiver nach ihrer Einnahme besser fühlt – lange, nachdem der Serotonin-Spiegel in seinem Blut gestiegen ist.

Noch viel länger – manchmal Monate – kann es dauern, bis Arzt und Betroffene das richtige Mittel gefunden haben. Denn typischerweise schlägt ein Antidepressivum nur bei 70 Prozent der Patienten an – eine Zahl, die seit Jahrzehnten weitgehend unverändert ist. Weil noch so vieles über die Wirkung unverstanden sei, müsse ein Psychiater heute fast willkürlich unter den rund 40 Mitteln auf dem Markt wählen, sagt Holsboer. "Antidepressiva werden momentan weniger wegen ihrer Wirkung als wegen ihrer Nebenwirkungen ausgesucht." (Letztere reichen von Verstopfung, Schweißausbrüchen und Übelkeit bis zu reduzierter Libido.) Schuld an der selektiven Wirksamkeit sind winzige, individuelle Abweichungen im Erbgut jedes Menschen, wie MPI-Forscher herausgefunden haben. Sie wollen dieses Wissen nutzen, um Medikamente zukünftig gezielter auf den Patienten zuzuschneiden. "Das wäre ein gewaltiger Fortschritt", sagt Holsboer.

Warten auf den Stromstoß

Patienten, die mindestens zwei (oft aber deutlich mehr) Antidepressiva aus verschiedenen Wirkungsklassen geschluckt haben, ohne sich besser zu fühlen, gelten als "therapieresistent". Nur für sie wird in Deutschland die Elektrokonvulsionstherapie angeboten. Pro Jahr melden sich 60 bis 70 depressiv Erkrankte bei der LMU für die Stromtherapie an – ein winziger Bruchteil der Patienten. Obwohl auch andere Kliniken in Deutschland mit Stromstößen arbeiten – "Die meisten schreiben das allerdings nicht groß an die Tür", sagt Möller –, ist der Andrang an der LMU oft größer als die Kapazität. "Dann richten wir Wartelisten ein", sagt Baghai. Ein Behandlungszyklus umfasst sechs bis zwölf Sitzungen über mehrere Wochen, die der Kranke stationär verbringen muss. (In den USA und Großbritannien werden Elektroschocks zum Teil auch in leichteren Fällen und ambulant durchgeführt.)

Das Verfahren ist, für die Psychiatrie, vergleichsweise personalaufwändig. Im Behandlungsraum der Münchner Universitätsklinik legt sich die blonde Frau auf das bereitgestellte Bett. Apathisch starrt sie an die Decke, während ihr die Psychiaterin Elektroden auf Brust, Arm und Stirn klebt. Neun kleine rote, um Herzschlag, Gehirnschwingungen und Muskelregungen zu messen, zwei große weiße für den Strom. Unter Aufsicht eines Anästhesisten fällt die Patientin in eine kurze Narkose. Ein Anästhesieassistent spritzt ihr ein muskelentspannendes Mittel, die Krankenschwester schiebt ihr etwas Mull zwischen die Zähne. Die Psychiaterin drückt den Knopf.

Der Stromstoß selbst dauert rund zehn Sekunden. Dabei fließen maximal 0,9 Ampere, die Energie entspricht etwa der eines Defibrillators, mit dem Notärzte stehen gebliebene Herzen ins Leben zurückschocken. Der Körper der Frau liegt still, lediglich ihre Mundwinkel schnellen mit mechanischer Abruptheit nach oben, sodass sie mit geschlossenen Augen verzerrt zu lächeln scheint. Für etwa eine Minute laufen Zuckungen Brandungswellen gleich durch die Muskeln der Oberschenkel bis zur Spitze der Zehen unter der gelben Decke. Es ist ein schwaches Echo der früher üblichen Konvulsionen, doch sicherheitshalber hat der Assistent die Seitengitter des Betts hochgeschoben und die Patientin an den Armen gepackt.

Das EEG-Messgerät beginnt dissonant zu heulen, ein Zeichen, dass das Gehirn wie gewünscht krampft. Der Papierausdruck wird später zeigen, dass das EEG rund 40 Sekunden lang wild tanzte, bevor es auf eine ruhigere Linie als zuvor zurückfiel. Ein Elektroschock rüttelt gewissermaßen die hirngesteuerten Hormon- und Neurotransmittersysteme durcheinander. Das könnte zu einer Reorganisation im Nervensystem führen und das Wachstum neuer Zellen begünstigen, vermuten die Ärzte. Doch wie die Therapie genau wirkt, wissen sie auch bei der EKT nicht. Der Münchner EKT-Spezialist Thomas Baghai hat gelernt, mit der Unwissenheit zu leben. "Frustrierend ist es nur, wenn es nicht hilft und man es nicht versteht."

Es ließe sich argumentieren, dass wir in unserem Verständnis von Depressionen heute wieder dort angekommen sind, wo unsere Vorfahren in der Antike waren. Der Begriff der Melancholie ist immerhin 2500 Jahre alt. Damals glaubten viele, dass ein Wechselspiel von vier Körpersäften – Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle – psychische Störungen sowie das individuelle Temperament prägten. Ängste und depressive Stimmungen wurden einem Übermaß an schwarzer Galle zugeschrieben. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war das Pendel in die entgegengesetzte Richtung umgeschlagen: Soziale Einflüsse, nicht biologische, galten als die Hauptschuldigen. "Dass ein Kind schizophren war, wurde etwa der repressiven Mutter zugeschrieben", sagt Depressionsforscher Holsboer. Später unterschieden die Ärzte zwischen endogenen ("im Körper schlummernden") und exogenen ("vom Leben ausgelösten") Depressionen. Doch auch das erklärte nicht, weshalb manche Menschen scheinbar grundlos in Schwermut versinken, während andere erst nach einem emotionalen Schock – etwa dem Verlust der ganzen Familie durch einen Autounfall – depressiv werden. Heute glauben die meisten Forscher, dass jede Depression sowohl endogen als auch exogen ist.

Ein Spielball der Hormone

Aus Zwillingsstudien weiß man, dass die Neigung zu Depressionen zumindest teilweise vererbt ist. Wissenschaftler in den USA entdeckten dazu eine Mutation auf dem Gen 5-HTT. "Depressionen sind aber so komplex, dass zweifellos mehrere Gene beteiligt sind", sagt Holsboer, dessen Mitarbeiter gerade dabei sind, das Erbgut von je 1000 depressiven und gesunden Menschen miteinander zu vergleichen. ("Die größte genetische Depressionsstudie, die es je gegeben hat", sagt der MPI-Direktor stolz.)

Auch im Gehirn haben Forscher die Spur der krankhaften Schwermut aufgenommen. Als sie die Schädel depressiver Selbstmörder aufsägten, bemerkten sie etwa, dass manche Hirnregionen, vor allem im Kortex, auffällig verkleinert waren und die Zellen teils anders aussahen. Bisher können die Ärzte nicht sagen, ob diese Veränderungen der Auslöser oder die Folge einer depressiven Erkrankung sind, doch viele glauben, dass ein bestimmtes Hormonsystem eine Rolle dabei spielt. So fanden sie im Blut und Urin von Depressiven erhöhte Mengen des Stresshormons Kortisol.

Dessen Ausschüttung wird über das Neuropeptid CRH (Corticotropin Releasing Hormone) reguliert. Auch der CRH-Spiegel ist bei Depressiven oft höher als normal. Um zu sehen, wie sich das auswirkt, spritzten Forscher Mäusen eine Extradosis des Neuropeptids. Die Nager zeigten die klassischen Symptome einer Depression: Sie hörten auf zu fressen, verloren das Interesse am Sex, schliefen unruhig und scheuten ängstlich vor Neuem zurück. Wurde bei Mäusen dagegen ein Teil der CRH-Rezeptoren im Gehirn ausgeschaltet – wie es Wissenschaftler am Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit GSF in Neuherberg taten –, dann kletterten die Tiere mutig durch offene Röhren und erkundeten hell erleuchtete Käfigbereiche, in die sich ihre ängstlicheren Artgenossen nicht trauten.

Doch nicht nur genetische Veranlagungen prägen das Hormonsystem. Auch Kinder, die in einem frühen Alter missbraucht oder vernachlässigt werden, schütten offenbar oft chronisch zu viele Stresshormone aus. Das führt nicht zwangsläufig in die Schwermut. Doch treffen genetische Disposition und frühkindliche Schädigung später auf eine seelische Belastung – den Tod eines Geliebten, Überbeanspruchung in der Arbeit –, schießt die Hormonproduktion leicht vollends über, der Körper gerät in eine Art Dauerstress, der Geist reagiert depressiv. "Es ist erstaunlich, dass heute, 2500 Jahre später, wieder gestörte Körpersäfte im Gehirn als Erklärung für Depressionen herangezogen werden", sagt Hans-Jürgen Möller.

Die wohl schwierigste Frage bei alldem lautet: Wo beginnt die tödliche Krankheit, was gehört noch zur normalen Gefühlswelt? "Wir empfinden heute viele Dinge als pathologisch, die früher als Teil der Persönlichkeit akzeptiert wurden", schreibt der US-Schriftsteller Andrew Solomon, der selbst unter schweren Depressionen leidet. Zweifellos hat das auch mit Marketingbestrebungen der Pharmaindustrie zu tun. Rund 13 Milliarden Dollar gibt die Welt jährlich für Psychopharmaka aus – ein lukratives, aber auch umkämpftes Geschäft, in dem die Konzerne immer neue Anwendungsgebiete für ihre Pillen "entdecken", sei es schwere PMS (das prämenstruelle Syndrom), extreme Schüchternheit oder übertriebenes Heimweh. Gerade in Nordamerika, wo drei Viertel aller Psychopillen verkauft werden, scheinen Antidepressiva auf dem besten Weg, eine "Lifestyle Drug" à la Viagra zu werden, eine Gute-Laune-Pille für alle Gelegenheiten.

Über die Folgen dieses antidepressiven Massendopings werde viel zu wenig nachgedacht, kritisieren Psychiater wie Randolph Nesse von der Universität von Michigan in Ann Arbor. "Diese Folgen mögen klein sein, aber sie könnten auch riesig sein, mit dem Potenzial, eine soziale Katastrophe oder aber eine Transformation zum Guten auszulösen." Nesse setzt sich dem Zwang zur stets guten Laune entgegen und verweist darauf, dass eine gewisse Schwermut mitunter eine ganz normale, natürliche Haltung ist.

Droht die Depression allerdings jeden Lebenswillen des Betroffenen zu ersticken, helfen solche Überlegungen nicht weiter. Dann müssen die Patienten – wie die blonde Frau aus der Münchner Klink – versuchen, sich dagegen mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen. Nach 20 Minuten hat sie die EKT-Behandlung hinter sich. Am Nachmittag sind die roten Warnschilder in der psychiatrischen Station der LMU verschwunden. Ein Happy End ist dies noch nicht – schon einmal fiel die Patientin nach einer EKT-Behandlung zurück in die Abgründe der Verzweiflung. Doch vielleicht gibt es diesmal einen Lichtblick.