Solche Bücher, solche Menschen machen keine Karriere! Jahrelang suchte Käte Woltemath vergeblich einen Verleger für ihre Memoiren. Jetzt sind sie beim Schweriner Regionalverlag Stock & Stein erschienen – zweibändig, dennoch in gekürzter Fassung, wie die Autorin, mit Bedauern, wissen lässt. Aber wer ist Käte Woltemath?

Als es 1990 zur deutschen Hochzeit kommen sollte, begaben sich auch die bundesrepublikanischen Parteien auf Brautfahrt gen Osten. Kohls Christdemokraten vermählten sich mit der Götting-CDU, die Liberalen mit der LDPD, und so fort. Bekanntlich wurden die ostdeutschen Bräute nicht eben im Stande der Unschuld übernommen. Ganz anders, nämlich porentief rein, handelte die SPD. Noch in Honeckers DDR hatte sich konspirativ eine sozialdemokratische Partei gegründet. Als diese 1990 mit der West-SPD zusammenkam, da empfanden beide Seiten historische Hochmoral: Dies Bündnis schien viel legitimer als die schmuddeligen Beilager der Konkurrenz. Hier wuchs zusammen, was getrennt worden war, als die Ost-SPD mit der KPD zu fusionieren hatte. "Nehmt die Fahne der Sozialdemokraten dort wieder auf, wo tapfere und ehrliche Mitglieder unserer stolzen Partei sie 1946 unfreiwillig niederlegen mußten…"

Die Frau, die 1990 derart tönte, wurde damals für ein Weilchen zur Ikone der SPD-Geschichtsromanze: Käte Woltemath aus Rostock. 1920 daselbst geboren, kleiner Leute Kind. Schon früh sozialdemokratisch sozialisiert. Trotz Nazischikanen standhafter Lehrling in einer jüdischen Textilfirma, Luftschutzhelferin in Rostocks Bombennächten, Aufbau-Aktivistin. Goldenes Herz und großer Mund, wenn’s um die gerechte Sache ging. Unbestechlich gegenüber Bonzen und Ideologen, weshalb die Kommunisten Käte Woltemath für anderthalb Jahre ins Gefängnis sperrten und ihren Mann noch länger. Nun, nach der Wende, sprang die Unbeugsame schon wieder für die Schwachen in die Bresche, half sowjetischen Soldaten, heimzukehren, gründete ein Hilfswerk für umweltgeschädigte Kinder. Kein Zweifel, Käte Woltemath war mehr als eine Vorzeige-Genossin. Sie verkörperte die Sehnsucht der realen SPD nach der idealen.

Ständig eckt sie an

Und fiel so rasch, wie sie gestiegen war. Im November 1991 kursierten Medienberichte, wonach die große alte Dame der Ost-SPD der Stasi zugearbeitet habe. Das stimmte, verhielt sich jedoch viel komplizierter, als es in den Zeitungen stand. Jedenfalls war Käte Woltemaths kurze SPD-Karriere zu Ende. Es begann – nicht zum ersten Mal in diesem Leben – ihr Kampf um ihre Ehre.

4 x Deutschland… bietet keine literarische Lektüre. Der Stil ist schlicht, bisweilen kurios. Andererseits verdankt das Werk ebendieser Ungeschlachtheit seinen Reiz als authentische Geschichte von unten. Hier spricht, sich erinnernd, eine durchweg emotionale Frau, die Gefühl und Vernunft auf ein Lebensthema abgestimmt hat: soziale Gerechtigkeit. Der Kapitalismus ist nicht gerecht, er vernichtet Existenzen, zerrt Völker in den Krieg und verhindert, dass der Mensch sich als ein Mensch beträgt. Dass Letzteres auch dem Sozialismus sowjetischer Bauart eigen war, musste Käte Woltemath schmerzlich erfahren. Solange sie erzählt (und nicht predigt), liefert ihr Buch eine hoch interessante Rostocker Lokalgeschichte, von den Weimarer Jahren bis in die Neuzeit – subjektiv, gefühlig, mitunter kitschig. Fast immer spielt die örtliche Szene vor weitem Horizont.

Am stärksten fesseln die anderthalb Jahrzehnte nach 1945, vom Einmarsch der Roten Armee bis zum Mauerbau. Nie wieder Krieg – zutiefst teilt die Pazifistin Woltemath das Empfinden, niemals mehr dürfe ein Deutscher zur Waffe greifen. Aber schon bringen die West-Alliierten und die Sowjetunion ihre deutschen Mündelstaaten in Stellung. Bald beginnt die Wiederbewaffnung. Hinter den Schirm des Kalten Kriegs entsorgt Adenauers Wohlstandsrepublik die Nazivergangenheit. Und die arme DDR treibt ihre fähigsten Menschen außer Landes und macht aus loyalen Bürgern Feinde. Mittelständler werden enteignet, Gewerbetreibende schikaniert. Karrieristen herrschen, Denunzianten steigen auf. Die SED macht sich überall breit. Käte Woltemath, tätig für die Nationale Front, eckt ständig an, reibt sich an den Perversionen ihres Ideals vom demokratischen Sozialismus.

Herkunftsvergessene Genossen