Der Ohio River meint es heute gut mit der Expedition. Kaum Wellen, eine leichte Brise. Zwar naht der Winter, aber es ist mild. Schönes Wetter, um in Kentucky an Land zu gehen. Am Bug des Holzbootes steht der junge Shannon. Er trägt geknöpfte Mokassins, eine Pumphose und ein grobes weißes Leinenhemd, das am Hals von einem Lederriemen gehalten wird. Seinen Vorderlader hat er unter Deck gelassen. Hinter seinem Rücken flattert am Heck die amerikanische Fahne mit ihren 15 Sternen, eine für jeden Bundesstaat. Stramm steht er da, der junge Shannon, denn er weiß, nun repräsentiert er die Nation. Die Augen sind auf das Ufer gerichtet. Dort, in den Flusswiesen von Louisville, wartet eine Menschenmenge darauf, einen der historischen Triumphe Amerikas nachzuerleben. Später wird der junge Shannon sagen: "Mein Traum ist in Erfüllung gegangen."

Der "junge Shannon" heißt eigentlich Josh Loftis. Seinen Lebenstraum legte er sich vor fünf Jahren zu, mit 12. Nicht Astronaut oder Präsident wollte er werden, nicht Erfinder und nicht Millionär. Eine Reise wollte er tun, eine Reise in die Vergangenheit, zurück an die eigenen Wurzeln. Einmal der eigene Vorfahr sein, einmal Entdecker des amerikanischen Westens werden.

So dachte sich Josh Loftis das, damals, als er noch Schüler war und zu Hause ständig Episoden aus der Familiengeschichte hörte. Josh erfuhr, dass er nicht irgendeiner amerikanischen Familie entstammte, sondern einer ganz besonderen. Einer, die in immer neue Gegenden aufbrach, bis an die Grenze der Zivilisation. Vom jungen Shannon berichteten sie ihm, seinem Großgroßgroßgroßonkel, der das jüngste Mitglied jener Expedition war, die zwischen 1803 und 1806 unter der Leitung von Meriwether Lewis und William Clark eine schiffbare Passage zum Pazifik suchte und stattdessen den ersten Bericht vom Eden des Westens mitbrachte.

Wie oft hat er diese Geschichte gehört, und nun hat sie ihn eingeholt. Als junger Shannon steht er auf dem Bug des Entdeckerschiffes, in der Hand die Leine zum Festmachen, vor Augen die erwartungsfrohen Massen. "Ich weiß", sagt Josh Loftis, "dass mein Vorfahr vor 200 Jahren schon hier war und an derselben Stelle dasselbe tat. 17 war er damals, so wie ich heute. Das ist mehr, als ich je erhoffen durfte." Als Joshs Vorfahr im Oktober 1803 an dieser Stelle an Land ging, wartete auf ihn die Stille der Wälder, in denen ein kleines Fort die Grenze zur Wildnis markierte. Heute brummt und summt es im Flusspark, einer Wiese zwischen den Stadtautobahnen. Die Menschen am Ufer winken. Der junge Shannon wirft die Leine. An Land rufen sie "Hurra!".

1998 hatte Joshs Großvater von dem monumentalen Projekt der Stiftung Discovery Expedition gehört, die Reise von Lewis und Clark und ihren 45 Weggefährten nachzuspielen. Außerhalb der USA wenig bekannt, sind Lewis und Clark in Nordamerika die Nationalhelden. Ihre Reise bedeutete für die jungen Vereinigten Staaten die Landnahme des Kontinents von Küste zu Küste. Bis heute wird dieser Unternehmung gedacht, mit Sonderbriefmarken, Ehrenmälern und Museen. Nun sollte sie zum 200. Geburtstag zu neuem Leben erweckt werden. Als Joshs Großvater davon erfuhr, war eine Gruppe längst daran, Replikate jener Boote zu bauen, mit denen die Entdecker über den Ohio, Mississippi und Missouri River bis an die Rocky Mountains fuhren, um dann zu Fuß die Berge zu überqueren und auf dem Columbia River den Pazifik zu erreichen.

Das Theater dauert drei Jahre