Oje, das arme Kälbchen! Gleich wird es zermalmt werden zwischen den dicken Kuhleibern und elendiglich absaufen! "Keine Angst, Monsieur!", sagt der alte Hirte. "Es wird ihm nichts passieren. Schauen Sie nur." Das schmächtige Tier hüpft zitternd von der Uferkante. Stakst zwei Meter neben der Herde durch die lehmbraunen Fluten, bis es nicht mehr stehen kann. Und krault so wacker in den Niger hinaus, als hätte es nie etwas anderes getan.

Wer fürchtet sich vorm Flussgott? Es kann nur ein toubabou sein, ein weißer Mann, der merkwürdige Bedenken hat und noch merkwürdigere Fragen stellt. Nach dem Alter des Hirten, der sich als Dicko Sekou vorstellt. Nach der exakten Zahl seiner Rinder. Nach dem Jahr seiner ersten traversée. Er macht den Viehtrieb durch den gewaltigen Strom mit, solange er zurückdenken kann. Sein Vater war schon dabei und vor ihm der Vatersvater, der Urgroßvater und überhaupt die ganze Reihe der männlichen Ahnen. Noch nie hat er erlebt, dass eines seiner Tiere nicht dort drüben, in Diafarabé, angekommen wäre. Natürlich wird es auch diesmal gut gehen.

Noch Fragen?

Ach ja, die Zahl der Rinder.

"Beaucoup!", ruft Sekou lachend, viele.

Soeben zieht eine vielköpfige Herde ins Wasser, dreihundert Tiere, vielleicht noch mehr. Von diesem Augenblick träumen die Hirten vom Volk der Fulbe, wenn kein Tröpflein mehr aus dem eisblauen Himmel fällt. Wenn das karge, staubige Land der Sahelzone in der Gluthitze erstarrt und das Vieh keinen Grashalm mehr findet. Wenn die Kälber anfangen, vor Hunger und Durst zu brüllen. Dann ist es höchste Zeit, aus dem Sahel in Richtung Süden zu ziehen, wo es genug Wasser gibt und reichlich Futter.