Welcher Tag ist heute? Wie lange bin ich schon unterwegs? Wo sind wir eigentlich? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Wir sind irgendwo mittendrin, irgendwo zwischen Europa und Amerika. So weit ich blicke, nichts als Himmel und Meer. Ich sitze am Pool, in dem das Wasser hart an die Wände klatscht. Ich höre die Maschine tief drinnen im Schiff, und ich spüre sie. Man spürt sie immer und überall an Bord. Alles zittert und vibriert, bis man irgendwann selbst anfängt mitzuzittern nach ein paar Tagen. Das Meer höre ich nicht. Daran muss man sich gewöhnen: dass man das Meer nicht hört auf einem Schiff.

Mit dem Tempo eines Mofas bewegen wir uns über den Atlantik. Vor Tagen, vielen, bin in La Spezia zugestiegen, wo das Schiff Halt machte auf dem Weg von Fernost nach Amerika. Ich erinnere mich noch, wie viel Mühe ich hatte, meine schwere Tasche eine irrsinnig lange und schmale Treppe vom Kai hoch in das Schiff zu schleppen. Groß, schwarz und angsteinflößend lag es im Hafen, auf das Heck gepinselt, wie es sich gehört, sein Name: Pacific Senator. Und der Heimathafen: Monrovia.

So ein Schiff könnte in einem Quartett auftauchen, zum Beispiel "Frachterriesen der Weltmeere". Länge: 216 Meter, Breite: 32,2 Meter, Gewicht des leeren Schiffes: 122907 Tonnen. Höhe vom Kiel bis zur Antenne: 54 Meter. Hauptmotor: 6 Zylinder. Leistung: 22 360 PS. Großtonnage: 35988 Tonnen. Besatzungsstärke: 20. Stapellauf: Juli 92. Es wäre kein Supertrumpf, denn mittlerweile gibt es Containerschiffe mit der dreifachen Kapazität der Pacific Senator. Aber ein sicherer Wert.

Ich fahre mit bis New York. Natürlich gibt es schnellere Arten, als Passagier nach New York zu kommen. Und einfachere. Und bequemere. Und billigere. Mit dem Flugzeug schafft man die Strecke in weniger Stunden, als wir Tage benötigen. Aber ich wollte auf ein Schiff, und zwar auf ein richtiges, eines, das noch an ein Schiff erinnert und nicht an einen umgekippten Holiday-Inn-Komplex. Ein Frachtschiff sei ein unglaublich romantischer Ort, stellte ich mir vor. Ein Reisen jenseits des Reisens, ohne Animation und Luxus. Ein Stück Realität, das ich bis dahin nicht kannte.

Die Pacific Senator ist so ein richtiges Schiff. Eigentlich sollte sie die Handelsflotte der DDR verstärken, doch als sie fertig wurde, gab es den Auftraggeber nicht mehr. Heute fährt sie unter liberianischer Flagge, wegen der Steuern. Auch der Kapitän ist ein Relikt der ostdeutschen Seefahrt. Er heißt Haustein und trägt die Brille auf der Nasenspitze. Wenn er sich an einen richtet, schaut er über den Rand seiner Gläser, was ihn kauzig wirken lässt. Er hat schütteres Haar, einen Bauch und den Ansatz eines Schnurrbartes, einen Dreitageschnurrbart quasi, und er sieht überhaupt nicht aus wie ein Kapitän. Keine schicke Uniform. Keine goldenen Kordeln. Keine Mütze. Ich dachte, Kapitäne wären angezogen wie Christbäume. Hier aber nicht. Alles normal. Wie in der Fabrik.

1961 ging Haustein zur See. Hart sei das gewesen. "Die haben von uns Sachen verlangt, die sie im Westen schon nicht mehr gemacht haben." Er hätte sich absetzen können, einfach in irgendeinem Hafen bleiben. Aber er wollte nicht – "wegen denen daheim". Als dann auch noch Frau und Kind da waren, hat er den Gedanken endgültig begraben. Nach mehr als 42 Jahren auf See ist er nun ein bisschen bitter. "Wenn ich im Westen Kapitän gewesen wäre, na ja, dann hätte ich mein Haus, mein siebtes Auto und meine dritte Frau. Und was habe ich: nix, bloß meine erste Frau."

Für die Seeleute, das machte man mir schnell klar, ist die Seefahrt alles andere als romantisch. Das Schiff ist bloß eine Arbeitsstätte, die man nicht verlassen kann, die immer lärmig ist und nach Diesel stinkt. Von wegen wochenlang im Hafen liegen, mal in Sri Lanka, mal in Indien, und am Abend schummrige Bars besuchen. Heute laufe man in einen computerisierten Hafen ein, ruck, zuck! ginge das Löschen der Fracht, und dann müsse man schon weiter, weil der nächste Hafen warte. "Schauen Sie doch mal raus", sagte vor ein paar Tagen der Chief. Der Chief sieht aus wie Bud Spencer ohne Bart und Humor, dafür aber mit Brille. Er kümmert sich um die Maschine und ist neben dem Kapitän und einem Praktikanten der einzige Deutsche an Bord. Ich schaute durch das Bullauge und sah nichts als gestapelte Container in Blau und Rot und Braun und Grün. "Kein Wunder, dass niemand mehr zur See fahren will", brummte der Chief.