Fliegt, fliegt, fliegt, fliegt im Frühjahr in großer Zahl von Südengland, Frankreich, Holland her, stürzt ausgehungert und erschöpft vom Himmel auf die nordfriesischen Halligen, frisst, frisst, frisst dort unverwandt zehntausendfach und wochenlang, schwärmt dann nach Nordosten aus, Sibirien zu. Kommt Ende September wieder, mit den hungrigen Jungen ...

Branta bernicla bernicla, die Dunkelbäuchige Ringelgans, ein durchziehender Appetit, ein immerfort mampfender Organismus, ein dreipfundleichtes Kraftpaket, das sich ausschließlich von salzigem Gras ernährt. Ein luxurierendes Tier mit einem Lebensraum, der sich über 6000 periodisch abgeflogene Kilometer erstreckt. Eine getriebene Existenz, die nicht anders kann als fliegen, fressen, brüten, mausern – Letzteres und Vorletzteres ausgerechnet in den Tiefen Russlands, am Polarkreis, auf Taimyr, auf halbem Wege zwischen Husum und Tokyo.

Welch ein Wille zur Reise verdichtet sich in diesem Vogel! Und während er im schleswig-holsteinischen Wattenmeer Rast macht, in den Wochen von März bis Mai, sich unermüdlich mästend für den großen Flug, kommen mehr und mehr Menschen angefahren, um ihm ebendabei zuzusehen und -zuhören. Da stehen sie dann auf Hallig Hooge vor den gansschwarzen Wiesen, und die Frühjahrssonne verdunkelt sich, wenn Hunderte von Tieren zeitgleich auffliegen, rott-rott rufend, rott-rott, rott-rott…

Eine Hallig mit zehn Warften, auf denen 70 Häuser stehen, in denen nicht mehr als 160 Menschen leben, und vor den Häusern, um die Warften, in den Wiesen rott-rott, rott-rott. Ein Rupfen und Stopfen, ein Flattern und Schnattern, ein unaufhörliches Grasen und Kacken.

Das Gras rast durch den gefiederten Leib. 60 Minuten vom Schnabel bis zum Bürzel, 185 Würste pro Tag, alle fünf Minuten ist es so weit. Schlanke, torfige Exkremente fallen zu Boden, kaum verdautes Grün, von löslichen Zuckern befreit und mit weißlichem Harnstoff lasiert, dem Gänsepipi.

Aber! (Und hier melden sich die Kritiker der Gans:) Der Vogelkot verätzt den Boden. Die Nimmersatten fressen dem Vieh, das im Sommer mit der Fähre vom Festland übersetzt, das Gras weg. Und wenn dann eine Sturmflut kommt, landunter, vergeht den Kühen ganz der Appetit. Ist das Landwirtschaften auf Hooge nicht schwer genug? Was sind das für komische Vögel, die nirgends hingehören und keinen erkennbaren Nutzen haben? Schleppen diese Vagabunden der Lüfte am Ende gefährliche Geflügelseuchen ein? Was fällt denen ein, einfach so einzufallen?

Früher! (Und hier verklärt die Erinnerung die grimmigen Züge alteingessener Halligbewohner:) Da habe man sie geschossen und gebraten. Heute verboten. Von den Grünen in Tönning, Kiel, Berlin und Brüssel… Was wissen die Ökologen in den Metropolen noch von den Nöten und Sehnsüchten der Küste?