Verbrannt sind die endlosen Äcker der französischen Provinz. Die Luft über dem Asphalt der Straßen flimmert wie in einem schlechten Western. Kein Hund bellt, kein Vogel zwitschert. In ihren abgedunkelten Schlafzimmern liegen die Bauern und schwitzen. Jahrhundertsommer 2003, 40 Grad im Schatten und mehr: Wer jetzt freiwillig draußen ist, ist nicht bei Trost. Da taucht am Horizont ein grünblaues Ungetüm auf, eine knatternde, fauchende Bestie, die schwarzen Qualm in die Luft bläst. Sie schleppt eine froschgrüne Kiste hinter sich her. Als die Erscheinung näher kommt, erkennt man einen Trecker. Deutsche Bauart, Hanomag, mindestens 40 Jahre alt. Im Schlepp ein großer Bauwagen. Mehr geritten als gefahren wird der Oldtimer von einer jungen Frau, schlank, blond, mit Kappe und monströsem Ohrenschutz. Wer immer an diesem brüllheißen Tag die Kraft hat, sich zur Tür zu schleppen und nach dem Dieselradau zu schauen, wird später schwören, einen Engel gesehen zu haben. Der ritt einen Drachen und war nicht bei Trost.

Bremen–Galan. 1500 Kilometer auf dem Trecker. Allein. Christiane Fichtner, gelernte Hutmacherin, studierte Modedesignerin, Kunststudentin aus Bremen, unternimmt eine paradoxe Reise. Sie will auf möglichst langsame und beschwerliche, ja qualvolle Weise einen kleinen Ort im Südwesten Frankreichs, am Rand der Pyrenäen, erreichen. Sonst waren es immer 18 Autostunden. Oder drei Flugstunden. Reisen war stets das Warten aufs Ankommen. Jetzt rechnet sie mit vier bis sechs Treckerwochen bis Galan. Dort, auf den Wiesen ihres Hochschullehrers Rolf Thiele, wächst seit Jahren eine Außenstelle der Bremer Hochschule für Künste heran. In der Académie Galan kann man leben und Kunst studieren. Aber auch Leben studieren und Künstler sein. Und sogar nur leben und darüber nachdenken, was Kunst ist. Zum Beispiel: Ist Treckerfahren, wenn es im Rahmen eines Kunststudiums stattfindet und den Namen "RAUM 073. Bremen– Galan. Traktor-Projekt 2003" trägt, Kunst? Oder Kappes?

Bremen, Freitag, 25. Juli 2003. Der Hanomag ist frisch abgeschmiert und hat ein neues Dach aus grauer Folie. Am Bauwagen klemmt das in Frankreich obligatorische Rundumblinklicht, der gyrophare . Bis zur letzten Minute ist geschraubt und geschweißt worden. Die Zugmaschine entspricht jetzt der Straßenverkehrsordnung, der Bauwagen fast mittlerem Hotelstandard: Queensize-Bett, Arbeits- und Esstisch, Kühlschrank, Kochstelle, Waschbecken, Ofen. Milchschäumer! Ein Fahrrad für alle Fälle. Und ein großes Aussichtsfenster. Ruckend setzt sich die Fuhre in Bewegung. 35 Grad im Schatten. Bei einer Spitzengeschwindigkeit von 19 Kilometern in der Stunde gibt es keinen kühlenden Fahrtwind.

Dieser Ritt wird laut sein, heiß und unkomfortabel

Das Unterfangen erinnert an die Künstlerreisen von Malern, Bildhauern und Architekten, wie man sie seit der Renaissance kennt. Doch eigentlich ist diese Art, unterwegs zu sein, vor allem aus Literatur und Kino geläufig. Werner Herzog ging 1974 zu Fuß im Winter von München nach Paris, um eine schwer kranke Freundin zu besuchen und durch die selbst auferlegte Tortur, durch die Konzentration und die daraus resultierende Energie auf magische Weise den Tod aufzuhalten (Vom Gehen im Eis). Und in seinem Film The Straight Story erzählt David Lynch die Geschichte eines kranken alten Mannes, der 500 Meilen mit seinem Rasentraktor fährt, um sich mit seinem Bruder auszusöhnen. Beschwerlichkeit und Schneckentempo kennzeichnen solche Reisen. Man könnte sie säkulare Pilgerreisen nennen.

Erste Fahrerfahrungen im Osnabrücker Land. Das elf Meter lange Gespann ist unübersichtlich. Ein Gefühl wie Fahrschule. Wie fährt man eigentlich geradeaus? Beim Lenken eines Treckers helfen keine Pkw-Vorerfahrungen. Es ähnelt eher dem Steuern eines Schiffes. Man muss ständig, frühzeitig und intuitiv gegensteuern, um Kurs zu halten, andernfalls kommt es zu unkalkulierbaren Schlingerbewegungen. Eine Frage der Routine. Lenken, schalten, kuppeln – alles ist schweißtreibender Kraftakt. Überall stößt man sich an Hebeln von unergründlicher Funktion, die Hinweise auf den eigentlichen Sinn dieses Nutzfahrzeuges sind. Nach zwei Stunden weiß die Traktoristin, was sie getan hat. Baujahr 62 ist der Hanomag, damals ahnte der Landmann noch nichts von Dolby Surround, Gesundheitssitzen und Satellitennavigation. Schon gar nicht von klimatisierten Traktoren. Dieser Ritt wird laut sein, heiß und unkomfortabel.