Ohne Verstärkung der geistigen Investitionen müsste Deutschland gegenüber anderen Industrie- und Kulturländern zurückfallen…" So sprach am 19. Oktober 1963 Ludwig Erhard in seiner Regierungserklärung.

Bildung ist ein beliebtes Stichwort in den Reden von Kanzlern und mehr noch in den Ansprachen von Bundespräsidenten. Das hat sehr gute und auch ziemlich schlechte Gründe. Das Thema rührt an die Geheimgrammatik jeder Gesellschaft. Wie kann die Kultivierung des eigenen Lebens mit den Zwängen der arbeitsteiligen Ökonomie auf einen Nenner gebracht werden? Aber so tief die Fragen gehen, die Antworten müssen zum häufig unglücklichen Alltag der Kinder und Jugendlichen zurückfinden. Die meisten Bildungsdiskurse reflektieren aber nicht die Risse, deren alltägliche Seiten jeder aus der Familie, der Schule oder von der Straße kennt. Große Worte versöhnen vorschnell. Dabei hilft deren Unschärfe. Auch Johannes Rau ist dieser Falle nicht immer entgangen.

Den ganzen Menschen bilden – wider den Nützlichkeitszwang. Der Titel zieht sich wie ein Refrain durch die hier versammelten Reden. Gewiss, im Blick auf den ganzen Menschen liegt ein unverzichtbarer utopischer Überschuss. Aber der ganze Mensch muss halt durch seine Fragmentierungen hindurch. Und wo liegt der Unterschied zwischen dem Nützlichen und dem "Nützlichkeitszwang"? Der Bundespräsident setzt diese Fragen auf die Tagesordnung, aber auf dem Weg zu Antworten kommt er nicht weit. Das liegt natürlich auch daran, dass die Strecken von Reden zu kurz sind und die nächste bei neuem Anlass wieder von vorne beginnt.

Dennoch findet man viele Ideen und auch harte Informationen. Johannes Rau zeigt das Panorama der zerklüfteten deutschen Bildungslandschaft ohne Wenn und Aber. Die ganze irritierende Pisa-Lektion ist hier noch einmal zusammengefasst. Wer es immer noch nicht verstanden hat, dass unsere Schulen häufig freudlos und leistungsschwach sind und dass sich diese beiden Mängel gegenseitig verstärken, dem wird diese Diagnose hier spätestens klar. Die größeren Reden aus dem zentralen Kapitel Schule und Demokratie sind zu empfehlen.

Wer das aber alles weiß und weiterwill, der muss beim Lesen auch leiden. Denn je mehr man in dem Buch liest, desto schwächer wird der Text. Genug der Vorrede, denkt man, jetzt los! Aber es bleibt feierlich, und sobald sich Johannes Rau zwei Schritte vorgewagt hat, folgt sein Sowohl-als-auch. Zum Beispiel: "Ziel der Bildung ist nicht zuerst die Befähigung zum Geldverdienen. Bildung schielt und zielt nicht auf Reichtum. Aber sie ist ein guter Schutz vor Armut. Vielleicht sogar der wirksamste."

Immerhin hat der scheidende Präsident zum Thema viel mehr zu sagen als sein Vorgänger Roman Herzog, der – Jahre vor Pisa – den "Ruck" verlangte und das "Megathema" auslobte. Dazu fiel in Deutschland jedem etwas anderes ein. Nach kurzer Hypermotorik war dann wieder Ruhe im Karton. Seit Pisa ruckt es ständig. Nun geht es darum, das Zucken mit Ideen zu inspirieren, der Bewegung eine Richtung, vielleicht sogar Eleganz zu geben. Eine schwierige Aufgabe, weil bei uns immer noch – anders als in anderen Ländern – Bildung nicht das Gemeinschaftsfeld, sondern ein Hackbrett der Gesellschaft ist. Bildungspolitik ist der letzte Religionskrieg, der uns geblieben ist. Aber dafür, dass Rau der Friedenspräsident und Patron eines Bildungsaufbruchs hätte werden können, ist er – es klingt paradox – zu versöhnlerisch. Denn diejenigen, die sich immer noch Profilierungsgewinne aus dem Hickhack versprechen, hätte er sich zu Feinden gemacht.