Hinter meinem Haus steht eine Mauer. In der Mauer ist eine Tür. Dahinter befindet sich ein Weinkeller. Mein Weinkeller, den ich allerdings seit Jahren nicht mehr benutze. Einen vergessenen Weinkeller zu betreten ist immer ein spannendes Erlebnis. Ein bisschen wie Ali Babas Räuberhöhle. Was mag dort versteckt sein?

Die verfaulten Holzregale im Keller enthielten ein Dutzend Flaschen. Von Spinnweben überzogen, sandig, mit stark beschädigten Etiketten. Bei vielen sagte mir die Erinnerung, was ich da in die Hand nahm. Ja, diese Flaschen Vosne-Romanee hatte ich damals gekauft, weil der Jahrgang 1980 nicht hoch geschätzt und entsprechend billig gehandelt wurde. Das Weingut Moroni existiert schon lange nicht mehr. Auch der andere Rotwein in der Burgunderflasche stammt aus jenem Jahrgang, allerdings von der Domaine Dujac in Morey St. Denis. Von den Etiketten sind nur noch Fetzen zu sehen. Erstaunlich gut erhalten sind dagegen die von den drei Flaschen Gruaud-Laroze, Jahrgang 1975. Ein schrecklicher Wein, jedenfalls erwies er sich als ungehobelter Bursche, wenn ich ihn im Laufe der Jahre auf seinen Zustand kontrollierte. 25 Jahre lang stand er auf meiner Liste der Fehlkäufe an erster Stelle. Jetzt trug ich ihn und einige andere Flaschen ins Haus und reinigte sie von den Spuren der Zeit.

Als erste Flasche öffnete ich einen 1995er Wachenheimer Fuchsmantel, Spätlese trocken, vom Weingut Karl Schäfer, Bad Dürkheim. 1995 war ein hervorragender Jahrgang. Dennoch war ich verblüfft, als ich den Pfälzer ins Glas laufen ließ. Allein seine fast dunkelgelbe Farbe beschleunigte meinen Puls. Balzac, der Genießer, pries die Frauen von dreißig. Eine Riesling Spätlese hätte er im gleichen Atemzug nennen können.

Diese hier war erst knapp zehn Jahre, aber entzückend! Kein Auktionswein, über den die Fachzeitschriften berichten, weil jemand 250 Euro dafür geboten hat. Aber er hatte alles, was den Tag in einen Sonntag verwandeln kann. Er war sauber, saftig, elegant – und überlebte den Sonntag nicht. Welche Jahrgänge werden denn heute angeboten im Handel? Ob beim Importeur oder beim Winzer selber, es sind alles Minderjährige, die wir nach Hause schleppen, unfertig, ohne Charme und Schmelz.

Wie wohltuend dagegen die Sanftheit alter Spätlesen! Erst von einer gewissen Reife an enthüllt sich die geheime Seele eines Weins, wird sein wahrer Charakter offenbar. Aus dem ungestümen Knirps mit seinen schockierenden Eigenschaften wird dann, was der Winzer erhofft und der Händler mit einem knappen und unverbindlichen: "Hat Zukunft" beschreibt.