Es gibt Bilder, die kann man nicht nicht anschauen, ohne dass einem übel wird. Das Foto von Hermann Maiers rechtem Unterschenkel, aufgenommen am 24.August 2001 im Unfallkrankenhaus Salzburg, gehört mit Sicherheit dazu. So also sieht eine offene Beinfraktur aus. Ein handtellergroßes Stück Wadenfleisch ist weggerissen, der gebrochene Knochen, an dem gequetschte schwarze Gewebemasse klebt, steht eigentümlich nach links heraus. An ein paar Sehnen und Muskeln hängt lose etwas, das einen Schuh trägt: Hermann Maiers rechter Fuß.

Sommer 2001: Hermann Maier, 28 Jahre alt, ist in der Form seines Lebens. Eine weitere Seriensieg-Saison wartet auf den "Herminator", der seit vier Jahren den alpinen Skizirkus auf geradezu provozierende Weise dominiert. Ein zwei- oder dreifacher Olympiasieg in Salt Lake City, der vierte Weltcup-Gesamtsieg – all dies scheint nur noch Formsache.

Am Abend jenes 24. August fährt Maier mit seinem Motorrad vom Training im Olympiastützpunkt Obertauern zurück ins heimische Flachau. Er überholt gerade zwei Autos, da schert plötzlich vor ihm ein Mercedes nach links aus, ohne zu blinken. Maier versucht auszuweichen, streift den Kotflügel des Wagens, fliegt 25 Meter durch die Luft, schlägt mehrmals auf und bleibt im Straßengraben liegen. Sein Blick fällt auf den rechten Unterschenkel, der in unnatürlichem Winkel vom Knie wegsteht. Aus mit Skifahren, schießt es ihm durch den Kopf, Amputation! "Mit dem blutigen Klumpen da unten, da ist eigentlich nicht mehr viel möglich."

Hermann Maier hat gezeigt, dass noch eine Menge möglich ist "mit dem Klumpen da unten". Im Januar vorigen Jahres, 521 Tage nach seinem Unfall und nach nur drei Wochen Training auf Skiern, gewann er den Super-G auf der Streif in Kitzbühel. Das stärkste Comeback seit Lazarus’ Auferstehung titelte das österreichische Magazin News. Selbst die Schriftstellerin Elfriede Jelinek, des Sakralen eher unverdächtig, sah Hermann Maier nunmehr "zu einer überlebensgroßen, einer mythischen, einer biblischen Figur" emporwachsen.

Mit dem Blitz-Comeback auf der Streif gab sich Maier nicht zufrieden. Eine Woche später wurde er Vize-Weltmeister. In der Weltcupsaison 2003/04, die an diesem Wochenende im italienischen Sestrieres zu Ende geht, lag er bis zum vorigen Wochenende in der Gesamtwertung mit knappem Vorsprung sogar auf Platz eins. Der Mann, dessen rechtes Bein in einer siebenstündigen Notoperation gerettet wurde, feierte das vielleicht größte Comeback der Sportgeschichte.

Hermann Maiers Heimatstädtchen Flachau, eine halbe Autostunde südlich von Salzburg, lebt ganz von Ski und Après-Ski. 47 Pistenkilometer, 16 Bergbahnen, 80 Schneekanonen! Hermann Maier senior betreibt dort eine Skischule, der Sohn, 31 inzwischen, seit seiner Rückkehr auf die Weltcup-Pisten in Österreich populärer als Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, hat an diesem Nachmittag Zeit für ein Gespräch. "Nicht zu lange", hat sein Medienberater schon vorher klar gemacht. Seit dem Comeback ist der Presserummel um Maier noch größer geworden.

Maier ist ein Mann, der den Raum ausfüllt, sobald er durch die Tür kommt. Eine Kampfmaschine mit offenem Gesicht und zwei unglaublich wachen blauen Augen. Die Muskelpakete unter dem eng anliegenden Shirt stammen größtenteils aus jener Zeit, als Hermann Maier noch in Flachau und Umgebung als Maurer arbeitete. Er denkt oft daran zurück, sagt er, "vor allem, wenn’s kalt ist und ich an Baustellen vorbeifahre. Früher hab ich ja selbst mit gefrorenen Fingern Stufen schalen müssen." Der rechte Turnschuh ist nur locker geschnürt. Auch zweieinhalb Jahre nach dem Unfall ist der Fuß dicker als der linke. "Im Flugzeug schwillt er an wie ein Ballon", sagt Maier. Bei jeder größeren Belastung ist der Schmerz wieder da. Nicht mehr so schlimm wie anfangs, "da ist es wie ein Blitz im Kopf eingeschlagen". Aber spürbar, immer noch, immer wieder.

"Wenn Sie jetzt bitte zur letzten Frage kommen würden", drängt Maiers Medienberater. Ein Training hat der Skipilot hinter sich, ein weiteres vor sich, und noch am gleichen Tag fährt er zum nächsten Weltcup-Rennen ins slowenische Kranjska Gora.