Gerüche erkennen ist schwierig. Nur einen Geruch erkennt jeder. Das ist der Geruch von nassem Hund.

Ich sagte: "Auf keinen Fall einen Hund." In unserem Haushalt war die Position eines Haustiers zu vergeben. Ein Haustier hat in der Familie machtpolitisch nichts zu bestimmen, aber es besitzt eine wichtige repräsentative Funktion. Ein Haustier soll Sinn stiften, geistigen Halt geben, nicht zuletzt wirkt es imagebildend nach außen. Ich habe ein Terrarium vorgeschlagen, das wurde abgelehnt, zu wenig Charisma. Die Frau wollte eine Schildkröte, zu langweilig. Pferd ist für Mädchen. Ein gutes Haustier muss aber über den Parteien stehen. Katze gilt als zu sensibel fürs Tagesgeschäft. Ratten sind ewig unzufriedene Intellektuelle und neigen zu einem Sarkasmus, der schwer heilende Wunden schlägt. Mäuse werden alleine sofort depressiv, und zu zweit machen sie sofort Sex, egal, ob man Männchen oder Weibchen kauft. Man muss ständig auf peinliche Enthüllungen gefasst sein. Meerschweinchen leben zu lange. Das Kind ist längst Professor für theoretische Astralphysik in Pasadena, und dann hockt da immer noch ein uraltes Meerschweinchen im Kinderzimmer und schaut dich aus runzligen Augen an. Da würde ich ja jeden Tag den Blues kriegen.

Wir saßen bis nachts um eins in Noppensocken am Küchentisch und verhandelten. Ich sagte: "Warum nicht ein Affe? Ein Affe kann wertvolle geistige Impulse geben." Es hieß, Affen sind bissig. Oder: "Ohne ein gewisses Maß an Beredsamkeit lässt so ein Job sich schwer erledigen. Wäre die Zeit nicht allmählich reif für einen Wellensittich?" Es hieß, ja, aber nur, wenn du dem Wellensittich das Sprechen beibringst, uns ist es zu anstrengend. Oder: "Einen Geparden würde man überall draußen im Land als Signal empfinden!" Das war schon vom Ansatz her zu kühn. Am nächsten Morgen traten wir vor die Presse und verkündeten: "Es wird ein Goldhamster."

Der Goldhamster heißt Rudi. Er sieht Günter Netzer ähnlich, weil er die gleichen langen Haare in genau derselben Farbe hat.

Wer ein Kind fragt, ob es sich um ein Haustier, das noch nicht vorhanden ist, kümmern wird, der hört immer nur eine einzige Antwort – ja. Wer ein Kind fragt, ob es den Stall eines bereits vorhandenen Goldhamsters sauber machen könne, hört immer nur die Antwort: keine Zeit. Wer aber glaubt, dass Goldhamster Tiere sind, die keinen regelmäßigen Stuhlgang haben, der irrt sich in der Natur des Goldhamsters. Weil wir aus pädagogischen Gründen beschlossen haben, dass nur das Kind, als heftigster Verfechter des Hamstergedankens, sich um die Käfigreinigung kümmert, dies war Teil des Verhandlungsergebnisses jener Nacht, und weil wir uns daran halten, riecht jetzt unser gesamter privater Lebensbereich nach vergorenem Hamsterkot. Das Essen hat einen Hamstergeschmack. Sogar der Barbera schmeckt leicht hamstrig. Ich selber rieche nach Hamster. Seit der Hamster in seinem Amtsgebäude sein Amt angetreten hat, heiße ich in Berlin: der Mann, der Hamstergeruch verbreitet. Es ähnelt nassem Hund.

Ich hätte machiavellistischer verhandeln müssen.

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