"Ein Mann kann weinen, weil er damit seine Sensibilität zeigt. Wenn aber eine Außenministerin weinte, sie würde nie wieder ernst genommen werden"

Oft frage ich mich, wie sehr ich wohl Amerikanerin und wie sehr ich Tschechin bin. Man sagt den Slawen nach, sie seien sentimental und neigten zur Traurigkeit. Nein, ich bin auf keinen Fall eine traurige Person. Ich bin eine Optimistin. Ich bin Amerikanerin. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe mein Leben. Denke ich aber an meine slawische Seele, kommen mir Worte wie sentimental oder Romantik in den Sinn. Ich höre gern die Symphonie aus der Neuen Welt von Dvořák oder Smetanas Moldau. Musik, Filme, ganz bestimmte Orte tragen mich fort aus dem realen Leben in ein Heimatgefühl, das ganz tief in mir ist.

Mit den Träumen verhält es sich ähnlich. Sehr häufig habe ich Tagträume, die zu ganz bestimmten Situationen passen, in denen ich mich gerade befinde oder als ehemalige Außenministerin der Vereinigten Staaten befand. Sie sind nicht leicht, und sie sind nicht immer lustig. Ich träume davon, dass eine Gruppe fähiger Menschen die fürchterlichen Dinge, die in manchen Ländern geschehen, aus der Welt schafft. Diese Menschen sitzen an einem Runden Tisch beieinander, und sie entscheiden schnell. Aber was passiert tatsächlich? Heute wie auch schon vor 200, 300 oder 400 Jahren kommen wichtige Menschen in einem Raum zusammen, sie haben einen Stapel wichtiger Papiere dabei, und sie versuchen, ein Problem zu lösen. Ich habe das Gefühl, oftmals sind diese Menschen mit ihren wichtigen Papieren Teil des Problems. Es müsste Signalstationen geben, die einem sofort mitteilten, was in der Welt passiert, what actually happens on the ground. Ich glaube nicht an eine Weltregierung. Aber ich glaube daran, dass alles irgendwie zusammenhängt.

Wir leben in einer Welt, in der die Menschen mit ganz unterschiedlichen Situationen fertig werden müssen: mit Terroranschlägen, Hungersnöten, Stammeskriegen, Völkermorden. Wie oft überschlugen sich meine Gedanken bei der Frage, wie man diese Katastrophen entschärfen könnte. Wie oft dachte ich mir: Du musst es anpacken, du musst Entscheidungen treffen, du darfst nicht abseits stehen. Der Gedanke daran, dass man sich die Welt im Traum zurechtrücken kann, ist reizvoll. Aber der Reiz endet, wenn man den Grausamkeiten ins Auge sieht.

Ich habe etwas getan gegen die "ethnischen Säuberungen" im Kosovo; ich habe Veränderungen herbeigeführt. Ich habe es jedoch nicht geschafft, etwas gegen den Genozid in Ruanda zu tun. Aus vielen Gründen war ich dazu nicht in der Lage. Das lastet schwer auf mir. Ich ging dorthin und sah die Auswirkungen des Völkermordes, dieses wirkliche Grauen, das mir fast schon surreal vorkam. Wir flogen zu einem Platz, wo es eine Kirche und einen See gab. Ich dachte: Was ist das bloß für ein schöner Ort! Aber dann gingen wir zu der Kirche hin, und diese Kirche war das killing field. Ruanda ist ein katholisches Land, und die Menschen suchten vor ihren Verfolgern Schutz in der Kirche, sie rannten dorthin und wurden dann reihenweise umgebracht. Neben der Kirche war ein riesiges Erdloch, wo UN-Hilfsorganisationen noch heute Skelette ausgraben, um aufzuklären, was dort Grauenvolles passierte.

Ich näherte mich dem Ort, um es mit eigenen Augen zu sehen. Auf einem Tisch lag das Skelett eines Kindes, das ungefähr so groß wie eines meiner Enkelkinder gewesen sein muss. An seinem Schädel konnte man sehen, wo die Machete niedergegangen war. Dann gingen wir in ein Stadion, auf dessen Sitzen noch Blut zu sehen war. Die Mörder hatten Menschen in das Stadion getrieben und dann erschossen. Als sie nachts keine Munition mehr hatten, schnitten sie den Überlebenden die Fersensehne durch, damit keiner davonlaufen konnte. Am nächsten Tag kamen sie wieder und erschossen die noch Lebenden. Es war ein realer Albtraum, der mit den schönen Träumen des Lebens nichts zu tun hat.

Ich saß zu jener Zeit im UN-Sicherheitsrat und musste miterleben, dass wir keine Sicherheitskräfte nach Ruanda hineinbekamen, um das Blutvergießen zu beenden. Ich war so hilflos zu jener Zeit, fühlte mich elend und schwach. Wenn ich träumen darf, dann auch davon, dass mir niemals mehr eine solche Situation widerfährt.

Diese Gefühle haben natürlich nicht nur etwas mit der offiziellen Seite der Madeleine Albright zu tun. Ich war und bin lange Zeit eine öffentliche Person gewesen, und mir war es lange nicht gestattet, etwas anderes zu sein. Offen Gefühle zu zeigen ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn ich beispielsweise in der Rolle der Außenministerin beim Anblick all dieses Unheils geweint hätte, hätte ich meinen Job verloren. Ein Mann kann heutzutage weinen, weil er damit seine Sensibilität zeigt. Aber ich kann Ihnen versichern – wenn eine Außenministerin weint, würde sie nie wieder ernst genommen werden. Doch es gibt auch eine andere Madeleine. Eine private Person, die ihre Gefühle zeigen darf. Als man mir vor sechs Jahren mitteilte, wo und wann meine Großeltern im Konzentrationslager umgekommen sind, ließ ich meinen Gefühlen freien Lauf. Zwar nicht öffentlich, aber ich habe mich ihnen gestellt. Könnte ich meinen Verwandten heute begegnen, würde ich ihnen sagen, wie leid es mir tut, dass ich sie niemals sehen und ihrer nicht gedenken konnte, bis ich 59 Jahre alt wurde. Meine im Konzentrationslager verstorbenen Verwandten sind wie Figuren in einem Buch. Ich weiß etwas über sie, erinnere mich aber nicht an sie. Dafür war ich einfach noch zu klein, als wir Prag verließen. Könnte ich ihnen traumhaft begegnen, würde ich ihnen gern New York zeigen, diese spektakuläre Stadt. Ich würde mit ihnen tun, was ich selber schon einmal getan habe: einmal durch ganz New York laufen, von ganz unten bis an die oberste Spitze der Insel hinauf. Durch alle neighbourhood s , die chinesischen und italienischen, die schönen und die hässlichen Viertel der Stadt. In New York spiegelt sich für mich die unglaubliche Mischung Amerikas.