Eine der Bühnenfiguren Arthur Schnitzlers findet, dass die Eifersucht bleibt, auch wenn die Liebe längst vorbei ist. Ebenfalls von Schnitzler könnte sein: "Der Mann ist eifersüchtig, wenn er liebt - die Frau auch ohne dass sie liebt." Es ist aber von Kant und geht mit der Begründung weiter, "weil so viel Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen worden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind." Demnach folgen die Frauen im Liebeskalkül einer Ökonomie, die sich höchstens mit dem Unendlichen zufrieden gibt. Dass es "die" Frauen sind, ist eine nicht selten angst(lust)betonte Vorstellung - "Doppelmassen" nennt Canetti in Masse und Macht die in den seelischen Tiefen wirksame Entgegensetzung von Männern und Frauen. Der galante Ton, auch der des großen Kant, täuscht über das Archaische des Geschlechterkampfs hinweg: "Ich würde in der Sprache der Galanterie (doch nicht ohne Wahrheit) sagen: die Frau soll herrschen und der Mann regieren - denn die Neigung herrscht und der Verstand regiert."

Eine solche Zweiteilung von Verstand und Neigung schafft dort Ordnung, wo viele Ungereimtheiten, darunter auch quälende, auf "den" Mann zukommen: "Die Frau will herrschen, der Mann beherrscht sein (vornehmlich vor der Ehe)." In der Ehe kommt der Mann hoffentlich wieder zu Verstand und will regieren. Im System Kants, so scheint mir, wird die Frau mit der Neigung, der Mann mit der Pflicht identifiziert. Der berühmte Gegensatz von Pflicht und Neigung ist auf der Ebene des Geschlechterkampfs vielleicht nichts anderes gewesen als die Wiederkehr der uralten Angst, durch die der "von Natur" aus überlegene Mann in der Frau "die Natur" erkennen muss, die er in sich längst schon überwunden glaubte. Dagegen hilft sich noch der größte Denker mit einem philosophisch gewiss überlegten Stammtisch-Spruch: "Das Weib wird durch die Ehe frei - der Mann verliert dadurch seine Freiheit."

Aber der hier in Sprüchen vorgeführte Kant ist ein Philosoph der Aufklärung, und das heißt auch, dass er im Prinzip den Vernunftgebrauch unterstützt, selbst wenn dieser sich gegen ihn richten müsste. Schopenhauer ist von anderer Art, und das Einzige, was ich von ihm nicht lernen möchte, ist die Kunst, mit Frauen umzugehen. Während ich so dachte, war es in der Beck'schen Reihe, herausgegeben von Franco Volpi, schon erschienen, nämlich das Taschenbuch: Arthur Schopenhauer. Die Kunst mit Frauen umzugehen. Volpis Einleitung ist von beneidenswerter Eleganz, und es freut mich, dass er mit dem gebotenen Schrecken auch einige der von mir oben zitierten Sätze Kants wiedergibt. Volpi zieht den Schluss, "dass der auf den ersten Blick unverdächtige Kant im Urteil über Frauen für die Bosheiten Nietzsches und Schopenhauers als Vorbild diente".

Schopenhauer war ein "womanizer", ein Mann, der nicht nur Frauen, sondern auch sich ins Unglück zu stürzen verstand. In seiner Philosophie ist das Dunkle des Willens wohl auch eine Metapher oder besser eine Projektion der Sexualität, unter der man leidet, solange das Praktizieren derselben mit Ungemach, zum Beispiel mit dem der Monogamie, verbunden ist. Zu Recht sagt Volpi, dass Schopenhauer die Frauenfeindlichkeit auf eine metaphysische Grundlage stellen wollte, und zu Recht erinnert er daran, dass dieser Wille eine biografische Grundlage hat: Die Mutter wollte nicht so wie er, hatte einen Geliebten und eine Abneigung gegen "die obsessive Vorliebe" des Sohnes für den Familienbesitz. Das wirkte auf den Philosophen ein: "Die Erwerber des Vermögens sind die Männer, nicht die Weiber: diese sind daher auch nicht zum unbedingten Besitze desselben berechtigt - wie auch zur Verwaltung desselben nicht befähigt." Bekannt und beliebt ist auch Schopenhauers Ansicht, dass das Verbrennen von Witwen schon empörend sei, "aber dass sie das Vermögen, welches der Gatte, sich getröstend, dass er für seine Kinder arbeite, durch den anhaltenden Fleiß seines ganzen Lebens erworben hat, nachher mit ihren Buhlen durchbringen, ist auch empörend."

Mir ist es ein Rätsel, das ich nicht zu lösen wage, weshalb diese wunderbare, an ihren besten Stellen unfreiwillig komische Zitatensammlung als Ratgeber für die Kunst, mit Frauen umzugehen, durchgehen möchte. Schopenhauer verabschiedet sich in dem Band ja auch nicht mit einer Kunst, sondern mit einem Männerleiden: "Je mehr ich von den Männern sehe, desto weniger mag ich sie leiden. Wenn ich bloß das gleiche auch von den Frauen sagen könnte, wäre alles gut."

Franco Volpi (Hrsg.):

Arthur Schopenhauer. Die Kunst mit Frauen umzugehen