Wie weit würde man gehen?

Beweggründe

Der Unterschied zwischen heiligmäßigem Pilgern und profanem Wandern ist nicht leicht zu erkennen an einem nebligen Morgen wie diesem, im nassen Dämmerwinkel beim Ortsausgangsschild, wo die Wiese unordentlich in den Wald hineinwächst, wo das Hähnekrähen kaum mehr zu vernehmen ist, und wo sich jetzt ein Häuflein Leute um ein Holzkreuz schart. Ohne das Kreuz müsste man sie für ganz gewöhnliche Leute halten. Sie schweigen nicht anders als andere Frühaufsteher auch, sie frieren ein bisschen in ihren atmungsaktiven Abenteuerurlaubsjacken, zehn nach halb acht sehen sie ein, dass jetzt keiner mehr kommt. Es ist mit den Pilgern in der Nachfolge Jesu Christi leider so, wie der Evangelist Johannes seinerzeit schrieb: Viele wandelten hinfort nicht mehr mit ihm. Da stehen sie nun, die letzten Getreuen, senken den Blick auf ihre schlammigen Schuhe, und die Frau mit dem milden Musiklehrerinnengesicht improvisiert eine kleine Predigt.

Wir gehen zum Hause des Herrn! Steht also auf und lasst uns eilen. Keiner hat das Recht, ermüdet zu sein, denn wir gehen dorthin, wo keine Müdigkeit uns mehr erreicht. So hat der Kirchenvater Augustinus es im 4. Jahrhundert ausgedrückt, die Frau Pastorin formuliert es etwas weniger streng: dass wir heute einmal anders unterwegs sein wollen als sonst. Nämlich eingedenk der Vergänglichkeit alles Irdischen und den Blick durch das große Fernrohr Gottes auf das Land der Verheißung gerichtet. Freilich muss man dabei auch das Naheliegende im Auge behalten, sonst, das ist eine alte Pilgerregel, stolpert man gleich über den nächsten Baumstumpf. Die christliche Demut hat hier durchaus ihren praktischen Sinn, und selbst der Pfad der Erlösung muss ja irgendwo anfangen, warum nicht auf dem Waldweg in das Nachbardorf Vacha. Neun Kilometer. Kiefern und Pfützen. Vacha lag früher auf der deutsch-deutschen Grenze, jetzt liegt es wieder zwischen Thüringen und Hessen, die Brücke dazwischen nennt sich Brücke der deutschen Einheit. Dort wird heute Mittag ein Ökumenischer Pilgerweg eingeweiht, dessen letzte Etappe die Frau Pastorin mit ihrem Gefolge zur Feier des Tages begehen wird.

Der Mann mit der roten Wetterkutte jedenfalls, der das Kreuz jetzt schultert, scheint seine Last kaum zu spüren. Vielleicht liegt es daran, dass er gestern mit dem Fahrrad aus der Lausitz angereist ist und nun seinerseits getragen wird von der Gewissheit, dem Herrn bereits ein Stück näher gekommen zu sein.

Seit Abraham nach Ägypten zog, bedeutet Glauben sich in die Fremde begeben.

Zu Gott kann nur gelangen, wer in der Welt nicht heimisch wird. Es ist ein bisschen wie in der kritischen Theorie: im Herzen unabhängig bleiben und bei sich selbst nicht zu Hause sein. Darin besteht die Dialektik des gottgefälligen Wanderns, seine Schönheit und seine Abenteuerlichkeit.

Vielleicht wirkt der Mann mit der roten Kutte auch deshalb so frohgemut, weil man pilgernd immer auf dem richtigen Weg ist, während im Alltag wenig Aussicht auf abschließende Beantwortung der Frage besteht: Wo entlang geht es denn nun zum Hause des Herrn?

Wie weit würde man gehen?

Schon damals, zu Augustinus' Zeiten, war einem das nicht klar, da prügelten sich die Theologen sogar auf den Konzilien. Uns Heutigen ist der Blick nun vollends verstellt vom unüberwindlichen Gebirge der Glaubensstreitigkeiten, vom Heer der Exegeten, Inquisitoren, Reformatoren und Gegenreformatoren. So groß ist die Ratlosigkeit mittlerweile, dass evangelische Landeskirchen und katholische Diözesen bei Unternehmensberatern um Orientierungshilfe nachgesucht haben. Die Berater - erpicht auf schnelle Rendite und schlecht vorbereitet, mit Ewigkeitswerten zu kalkulieren - behaupten natürlich, die Kirche müsse endlich von dem langfristigen Modell Gott loskommen und sich als Dienstleister entlang des Lebensweges etablieren. Etwa so wie die Helfer an der Marathonstrecke, wenn sie den Läufern Wasser zuwerfen, nur dass die Gläubigen statt Wasser angeblich Sinnangebote brauchen. - Ja, wie viel Sinn hätten S' denn gern? - Ach, geben Sie mir für vier Euro fünfzig frohe Botschaft und ein paar nicht gar zu scharfe Gebote!

Kirche als Gemischtwarenladen: Das ist der Holzweg, auf den sich die morgendlichen Pilger keinesfalls begeben wollen. Sie kehren buchstäblich zurück auf die alten, ausgetretenen Wege, die sind nämlich neuerdings ausgeschildert. Esther Heiße, eine Studentin der Religionspädagogik, hat dafür gesorgt, dass ein Stück des Wallfahrtsnetzes von Kiew nach Santiago de Compostela wieder durchgehend markiert ist. 440 Kilometer Felder, Landstraßen, Streuobstwiesen. 440 Kilometer Gotik, Romanik, Reformation.

Während die Marschrichtung immer dieselbe bleibt, auf den Sonnenuntergang zu, geht es kulturhistorisch und kirchengeschichtlich drunter und drüber. Jakob Böhme, Johann Sebastian Bach, Friedrich Nietzsche, Martin Luther, Meister Eckhart. Die Route führt vom sächsischen Görlitz aus über Leipzig und Naumburg, durch Sachsen-Anhalt ins Thüringische, über Weimar und Erfurt nach Vacha.

Gegenbewegung

Auf den letzten neun Kilometern vor Vacha sind die Wegmarkierungen leider ein bisschen verwaschen, denn sie wurden in aller Eile gepinselt: gelbe Muschel auf blauem Grund. Die Muschel, seit dem 12. Jahrhundert das Zeichen der Jakobspilger, symbolisiert mit ihren zwei Schilden die beiden obersten Gebote der Liebe: Liebe Gott über alles, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Auf diesem höchsten aller Gefühle zu beharren muss für Esther Heiße, die Initiatorin und Evangelistin des ökumenischen Pilgerns, nicht immer einfach gewesen sein. Als sie den Plan zur Rekonstruktion der Strecke Görlitz-Vacha fasste, da ahnte sie nicht, wie mühselig allein schon das Anbringen der Schilder werden würde. Man muss ja die Leiter von Baum zu Baum, von Laterne zu Laterne schleppen. Und, schlimmer noch, man muss ja jede Laterne genehmigen lassen. Nichtig sind die Beschwerlichkeiten eines Pilgerweges gegen die Hürden des Amtsweges.

Meter für Meter und mit der Unerbittlichkeit des jugendlichen Eiferers hat sich Esther Heiße durch die Instanzen gekämpft. Archive, Pfarrämter, Forstämter, Denkmalschutzbehörden. Ihr kleiner Bruder hat stapelweise Wegmarken entgratet, eine Freundin hat 188 Seiten Pilgerführer finanziert.

Wie weit würde man gehen?

Der härteste Brocken allerdings war der thüringische Wegewart, der die regelwidrigen blau-gelben Schilder neben seinen offiziellen grünweißen nicht dulden wollte. Wo kämen wir hin, wenn jeder seine privaten Trampelpfade markieren dürfte? Siehe auch Psalm 119: Großen Frieden haben die, die das Gesetz lieben. Ein Ökumenischer Pilgerweg ist aber von vornherein gegen alle Regel. Der anarchische Impuls, mit dem er sich über die Konfessionsgrenzen hinweg an Gott orientiert, macht ihn so sympathisch und gleichzeitig so angreifbar.

Es beginnt schon damit, dass sein Verlauf der Via Regia folgt, die zwar weitgehend identisch mit dem mittelalterlichen Jakobsweg ist, aber als Handelsstraße eben doch nicht dasselbe. Der tatsächliche Verlauf bleibt ohnehin an vielen Stellen Vermutung. Außerdem besteht im monastischen Verständnis ein himmelweiter Unterschied zwischen Wallfahren und Pilgern. Der Wallfahrer wallt zu einem Märtyrergrab oder einem anderen heiligen Flecken, dann aber kehrt er schnurstracks in sein weltliches Leben zurück.

Pilgerschaft hingegen, Peregrinatio, meinte einst das Unterwegssein an sich.

Die alten Wandermönche zogen aus mit keinem anderen Ziel, als immer nur weiterzuziehen.

Streng genommen ist der Ökumenische Pilgerweg also ein Wallfahrtsweg. Streng genommen dürften weder die Frau Pastorin noch Esther Heiße, noch die meisten der Vacha-Wanderer hier unterwegs sein, denn sie alle sind Protestanten, das Wallfahren aber ist keineswegs protestantisch. Martin Luther verteufelte es als eine Spielart des Ablasshandels, als falsches Buhlen um Gottes Gnade, deren jeder Rechtgläubige ohnehin teilhaftig sei.

Solche fundamentalistischen Bedenken fechten eine tolerante Beteiligungskirche nicht an. Ihr Nachteil ist, dass man sie vom profanen Durcheinander manchmal nur schwer unterscheiden kann. Als sich an diesem Vormittag der Nebel über der Vachaer Brücke hebt, sind sie alle beisammen: die Katholischen und die Evangelischen, der atheistische Bürgermeister und der Landesjugendpfarrer, Denkmalschutz, Feuerwehr und Fremdenverkehrsamt. Es wird gefiedelt, gerasselt und psalmodiert. Und wenn einer der Redner bereits zum zehnten Mal behauptet: Der Weg ist das Ziel, dann applaudieren sie einträchtig, denn die konfuzianische Sentenz klingt doch sehr nach Bibelspruch. Natürlich ist nicht der Weg, sondern Gott das Ziel, das kann wohl vorübergehend in Vergessenheit geraten.

Hindernislauf

Wie weit würde man gehen?

Kirche, wo bist du? hieß eine der scharfsinnigsten protestantischen Polemiken der vergangenen Jahre. Die Antwort liegt auch auf dem Ökumenischen Pilgerweg.

Wenn man ihn tatsächlich bepilgert, so wie wir es zwischen Eckartsberga und Vacha probehalber getan haben, wird man schnell merken, dass der Wanderer, der man dann ist, mit dem Skeptiker, der man vorher womöglich war, nicht mehr übereinstimmt. Schon auf den ersten Metern haben wir unser Unbehagen am touristischen Charakter des Pilgerns vergessen. Natürlich braucht man für das Pilgern wie für jeden Gebirgsausflug bequeme Schuhe, man nimmt vorher Urlaub und muss sich genau überlegen, wie viele Altäre und Gipfel, wie viel Gebet, Kulturbeitrag und frische Luft in vierzehn Tage passen. Aber das stört nicht im mindesten die andächtige Stimmung, die einen erfasst, sobald man ins Freie hinaustritt.

Auge in Auge mit der Schöpfung, frei von allem anderen Gepäck als einem Zehn-Kilo-Rucksack, frei von dem Zwang, große Erlebnisse zu sammeln, hat man den ganzen Tag (man denkt beinahe: das ganze Leben) vor sich. Da versteht man, warum die Freiheit von etwas immer auch die Freiheit zu etwas ist. Wo man außer Wandern nichts muss, kann einem alles geschehen, vom Umsturz der Pläne bis hin zu Glaube, Liebe, Hoffnung. Natürlich begegnet einem nicht nur Erfreuliches, sondern auch Sturm und Gewitter. Wenn man mit fünf Kilo Schlamm unter jedem Schuh stundenlang querfeldein marschiert ist und sich dann, endlich am Ziel!, im Gasthaus zum Kalten Frosch doch nicht aufwärmen kann, weil es ausgerechnet heute geschlossen hat, dann zweifelt man sehr an der heilsamen Wirkung des Wallfahrens. Das gehört jedoch zur unvermeidlichen Minimal-Askese. Gott sei Dank gibt es dafür keine Ablassbriefe mehr, stattdessen führt man einen Pilgerausweis mit sich, den man an jeder Herberge abstempeln lässt - nicht als Rechtfertigung vor Gott, sondern als Vergewisserung vor sich selbst: damit man nachher noch glaubt, dass man tatsächlich in Buttelstedt, Ollendorf und Oberellen war, Orte, an die man sich ohne Not nicht begibt.

Pilgern als Freizeitbeschäftigung hat durchaus Ähnlichkeit mit dem Extremsport. Wie weit würde ich freiwillig gehen? Der Unterschied ist, dass der Ökumenische Pilgerweg eine vernünftige Herausforderung darstellt. Gott suchen, aber die Kirche im Dorf lassen. Das bedeutet Verzicht auf historische Genauigkeit und theologische Plausibilität zugunsten gemäßigter Transzendenz.

Mäßigung heißt für den Pilger auch hinnehmen, dass der Mensch sich grundsätzlich überschätzt. Wir überschätzten uns täglich um etwa zehn Kilometer. Dreißig Kilometer geplant, zwanzig gelaufen. Das lag aber nicht an mangelndem Eifer, sondern daran, dass wir außerplanmäßig auf Apfelbäume kletterten, um von den einheimischen Sorten zu kosten, und dass wir zu lange in der Dorfkirche verweilten, weil der Kantor gerade die Orgel warmspielte.

Zwar haben wir uns diszipliniert, indem wir, durch Oberreißen wandernd und feststellend, dass hier Feiningers Gemälde Nieder Reißen zu besichtigen wäre, dieses nicht besichtigten. Aber als der alte Herr mit dem Klapprad, den wir kurz vor Tromsdorf nach dem Weg gefragt hatten, hinter Tromsdorf noch mal auftauchte, um uns seine Lebensgeschichte zu erzählen, da konnten wir schlecht weiterhetzen.

Eine Wallfahrt setzt sich hauptsächlich aus Zwischenfällen zusammen, sie ist eine Serie unvorhersehbarer Begegnungen und nicht, wie gern behauptet, eine Folge edelmütiger Gedanken. Nach Luther soll sich der Glaube ohnehin nicht draußen im Wald, sondern im engen Alltag bewähren. Darum muss einem auf dem Ökumenischen Pilgerweg jedoch nicht bange sein, denn nach jedem Tagesmarsch gibt es eine private Pilgerherberge als Tor zu anderer Leute Alltag. Frau Gattner in Gotha, Frau Götze in Vacha öffnen dem Pilger die Tür, schmieren ihm Brote, hören ihm zu und schenken ihm neue Einsichten in Familie, Politik und überhaupt das Leben. Bei den Herbergseltern erfährt man, dass Nächstenliebe so einfach machbar ist wie eine Tasse Hagebuttentee und dass es Selbstlosigkeit an den entlegensten Orten gibt.

Wie weit würde man gehen?

Einmal übernachteten wir in der Wasserburg Ollendorf, einer unbeheizten Ruine, die von ein paar verrückten Freiwilligen instand gesetzt wird. Halb denkmalpflegerisches Projekt, halb Kommune, die einzige Regel lautet: Wer mithilft, darf bleiben. Als wir abends hereinschneiten, hockten sie in der winzigen Küche: der Tischler, die Sozialpädagogikstudentin, der pensionierte Bauunternehmer aus Wisconsin ... Wir bekamen einen Schlag Suppe, obendrauf Kuchen, hinterher Wein und schließlich, sehr spät, ein warmes Gute Nacht.

Zu DDR-Zeiten geschah all das unterm Dach der Kirche, jetzt ist die Wasserburg wie alle anderen Objekte der gemeinnützigen Initiative Offene Häuser unabhängig. Insgeheim sind die Kommunarden aber doch ein wenig fromm, denn ihr schönstes Zimmer, das einzige ohne abgeblätterten Putz, ohne aufgerissenen Fußboden, haben sie für Pilger reserviert. Es ist genauso kalt wie der Burghof, aber es ist das schönste. Einen Tagesmarsch weiter, im Augustinerkloster Erfurt, befindet sich die Pilgerherberge dagegen im Keller.

Gut geheizt, sehr komfortabel, fünfmal am Tag Gebete. Aber im Keller. Man lernt beim Wallfahren noch einmal neu, dass Gottgefälligkeit relativ ist und keine bleiverglasten Heiligenbilder braucht.

Zum ökumenischen Toleranzideal haben wir uns übrigens auf besonders überraschende Weise bekehrt. Als wir am Fuße der Wartburg den mittelalterlich kostümierten Flötisten Leachimus ex Erfordia trafen, spielte er gerade das Kirchenlied Ein feste Burg ist unser Gott. Darauf folgte die Ode an die Freude und dann das Jungpionierlied Kleine weiße Friedenstaube. Leachimus erklärte, die Friedenstaube spiele er am liebsten, weil sie bei allen Wandersleuten willkommen sei: bei den einstigen Parteisekretären und den einstigen Dissidenten, bei den neuen Westlern und den gestrengen Theologiestudenten.

Leider konnten wir sein Repertoire nicht zu Ende hören. Es ist das Kreuz des modernen Wallfahrers, dass er, wenn es am erbaulichsten ist, weitermuss, dass er die Geschichten nie zu Ende hören darf. Frau Götze zum Beispiel hätte stundenlang über den Dichter Johann Gottfried Seume berichten können, der 1781 auf der Vachaer Brücke von den Werbern des hessischen Kurfürsten geschnappt wurde. So aber zitierte sie uns nur aus Seumes Spaziergang nach Syrakus: Es ginge alles besser, wenn man mehr ginge. Wunderbarerweise erwächst einem im Gehen gerade aus Unbill Zuversicht. Mit von Tag zu Tag größer werdender Sorglosigkeit haben wir die Diskrepanz zwischen verbleibendem Weg und verbleibender Zeit registriert. Erwischte uns die Dämmerung wieder zwei Stunden zu früh, lobten wir den herrlichen Abendnebel und den dramatischen Sonnenuntergang. Ach, diese dunkelblauen Tannen! Ach, diese rotgoldenen Birken! Wir gelangten immer ans Ziel.

Einkehr und Heimkehr

Das letzte Quartier vor der Schlussetappe nach Vacha erreichten wir mit einem Kurier der Storchen-Apotheke. Er setzte uns direkt vor dem Gasthof Zum Goldenen Engel ab, den es nach Auskunft der Touristinformation Eisenach gar nicht hätte geben dürfen. Man soll in derlei weltliche Institutionen nicht zu viel Vertrauen setzen, man muss auch einmal selber telefonieren können. Der Wirt vom Goldenen Engel jedenfalls rief, als wir eintraten: Gott sei Dank!

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Wir haben schon auf Sie gewartet. Da begriffen wir, was es heißt, sich immer weiter von der Heimat zu entfernen, um immer weiter nach Hause zu kommen. Wir wollen die Prinzipien des Pilgerns aber nicht allzu laut predigen, denn sie haben eine teuflische Ähnlichkeit mit den Prinzipien der kapitalistischen Mobilmachung. Immer schön flexibel bleiben! Wenn Kirche sich mit der Marktwirtschaft gemein macht, wenn sie nicht darauf beharrt, dass die Gebote kein Angebot sind, sondern ein Angriff auf alle Angebote, endet sie irgendwann als Reiseunternehmen. Das Bayerische Pilgerbüro bietet bereits entsprechende Pauschalreisen an, der Titel der Werbebroschüre lautet: Reisen im Einklang mit dem Ich. Diese Art Missionierung ist vielleicht weniger falsch als ein Kreuzzug, aber falsch ist sie doch.

1522, hat uns der Wirt vom Goldenen Engel erzählt, sei Martin Luther hier eingekehrt, als er hinauf zur Wartburg wollte. Der Wirt, ein leidenschaftlicher Bergsteiger, war zu DDR-Zeiten oft auf dem damals populären Wanderweg der Freundschaft unterwegs, der führte von Eisenach nach Budapest, bei jedem Quartier gab es einen Stempel. Als wir unseren Pilgerausweis zückten, holte der Wirt eilends sein altes Stempelbuch. Dann lobten wir gemeinsam die Schönheit der Welt im Allgemeinen und die des Thüringer Waldes im Besonderen. Der Unterschied zwischen heiligmäßigem Pilgern und profanem Wandern war nicht leicht zu erkennen an einem wahrhaft ökumenischen Abend wie diesem.

Information

Wegverlauf: Der Ökumenische Pilgerweg von Görlitz nach Vacha ist mit einer gelben Muschel auf blauem Grund markiert. Sie erscheint als geklebtes oder gemaltes Zeichen. Für Radfahrer ist der Weg, zumal im Herbst, nicht überall befahrbar. Aber die Verfasser des Pilgerführers laden ausdrücklich ein, Umwege zu nehmen. Die Landkarten im Buch sind dabei hilfreich. Siehe auch www.oekumenischer-pilgerweg.de

Unterkunft: Ein einfaches Nachtlager wird von vielen kirchlichen Einrichtungen geboten, schöner ist die private Herberge. Dort wird man herzlich aufgenommen und betreut. In mittelalterlicher Gepflogenheit betete der Pilger für Herbergseltern und Weggemeinde. Heute gibt man auch eine Spende. In kommerziellen Gästebetrieben wird ein Rabattpreis gewährt. Für manche Herbergen braucht man einen Schlafsack. Stets telefonisch anmelden!

Unsere Favoriten: Elisabeth Götze, Im Stoff 21, 36404 Vacha, Tel.

036962/227 50 - Pension Maria, Purgoldweg 4, 99867 Gotha, Tel. 03621/85 61 92 - Ev. Augustinerkloster, Augustinerstr. 10, 99084 Erfurt, Tel. 0361/57 66 00 - Gasthaus Zum Goldenen Engel, Markt 7, 99819 Marksuhl, Tel. 036925/93 90 - Wasserburg Ollendorf, Lange Gasse 84, 99198 Ollendorf, Tel. 03643/50 28 97 - Infos zum Offene Häuser e. V. bei Bert Ludwig, Tel. 0172/774 69 13 oder www.openhouses.de. Mehr Adressen im Pilgerführer

Wie weit würde man gehen?

Pilgerführer: In dem von Esther Heiße und Bert Ludwig betreuten Buch finden sich Wegbeschreibungen, praktische Ratschläge, historische und theologische Erläuterungen sowie genaue Hinweise auf Pilgerspuren in den zu durchquerenden Orten. Hübsche Karten, etwas ungenau. Verirrten uns einmal, zweifelten mehrfach. Der Ökumenische Pilgerweg, 192 S., für 12 e zu beziehen bei Ökumenischer Pilgerweg e. V., Goetheplatz 9b, 99423 Weimar, Tel. 03643/5028 97, info@openhouses.de

Literatur: Anselm Grün: Auf dem Wege - Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2002 - 80 S., 6,60 e. Christian Nürnberger: Kirche, wo bist Du? - dtv, München 2000 - 310 S., 14,32 e