Einmal übernachteten wir in der Wasserburg Ollendorf, einer unbeheizten Ruine, die von ein paar verrückten Freiwilligen instand gesetzt wird. Halb denkmalpflegerisches Projekt, halb Kommune, die einzige Regel lautet: Wer mithilft, darf bleiben. Als wir abends hereinschneiten, hockten sie in der winzigen Küche: der Tischler, die Sozialpädagogikstudentin, der pensionierte Bauunternehmer aus Wisconsin ... Wir bekamen einen Schlag Suppe, obendrauf Kuchen, hinterher Wein und schließlich, sehr spät, ein warmes Gute Nacht.

Zu DDR-Zeiten geschah all das unterm Dach der Kirche, jetzt ist die Wasserburg wie alle anderen Objekte der gemeinnützigen Initiative Offene Häuser unabhängig. Insgeheim sind die Kommunarden aber doch ein wenig fromm, denn ihr schönstes Zimmer, das einzige ohne abgeblätterten Putz, ohne aufgerissenen Fußboden, haben sie für Pilger reserviert. Es ist genauso kalt wie der Burghof, aber es ist das schönste. Einen Tagesmarsch weiter, im Augustinerkloster Erfurt, befindet sich die Pilgerherberge dagegen im Keller.

Gut geheizt, sehr komfortabel, fünfmal am Tag Gebete. Aber im Keller. Man lernt beim Wallfahren noch einmal neu, dass Gottgefälligkeit relativ ist und keine bleiverglasten Heiligenbilder braucht.

Zum ökumenischen Toleranzideal haben wir uns übrigens auf besonders überraschende Weise bekehrt. Als wir am Fuße der Wartburg den mittelalterlich kostümierten Flötisten Leachimus ex Erfordia trafen, spielte er gerade das Kirchenlied Ein feste Burg ist unser Gott. Darauf folgte die Ode an die Freude und dann das Jungpionierlied Kleine weiße Friedenstaube. Leachimus erklärte, die Friedenstaube spiele er am liebsten, weil sie bei allen Wandersleuten willkommen sei: bei den einstigen Parteisekretären und den einstigen Dissidenten, bei den neuen Westlern und den gestrengen Theologiestudenten.

Leider konnten wir sein Repertoire nicht zu Ende hören. Es ist das Kreuz des modernen Wallfahrers, dass er, wenn es am erbaulichsten ist, weitermuss, dass er die Geschichten nie zu Ende hören darf. Frau Götze zum Beispiel hätte stundenlang über den Dichter Johann Gottfried Seume berichten können, der 1781 auf der Vachaer Brücke von den Werbern des hessischen Kurfürsten geschnappt wurde. So aber zitierte sie uns nur aus Seumes Spaziergang nach Syrakus: Es ginge alles besser, wenn man mehr ginge. Wunderbarerweise erwächst einem im Gehen gerade aus Unbill Zuversicht. Mit von Tag zu Tag größer werdender Sorglosigkeit haben wir die Diskrepanz zwischen verbleibendem Weg und verbleibender Zeit registriert. Erwischte uns die Dämmerung wieder zwei Stunden zu früh, lobten wir den herrlichen Abendnebel und den dramatischen Sonnenuntergang. Ach, diese dunkelblauen Tannen! Ach, diese rotgoldenen Birken! Wir gelangten immer ans Ziel.

Einkehr und Heimkehr

Das letzte Quartier vor der Schlussetappe nach Vacha erreichten wir mit einem Kurier der Storchen-Apotheke. Er setzte uns direkt vor dem Gasthof Zum Goldenen Engel ab, den es nach Auskunft der Touristinformation Eisenach gar nicht hätte geben dürfen. Man soll in derlei weltliche Institutionen nicht zu viel Vertrauen setzen, man muss auch einmal selber telefonieren können. Der Wirt vom Goldenen Engel jedenfalls rief, als wir eintraten: Gott sei Dank!