Tief durchatmen. An etwas Schönes denken. Regelmäßige Bewegung. Viel Fisch essen, ungesättigte Fettsäuren. Lieben. Sozial aufgehoben sein. Das hilft.

Mehr ist oft gar nicht nötig, um dem Stress, der Angst, der Bedrücktheit zu entkommen, die fast unweigerlich zum Profil eines gehetzten Leistungsträgers westlicher Prägung gehören. Wer wäre das nicht, mindestens im Entwurf seiner selbst. Doch echte Kinder des Abendlandes, Nachkommen einer vornehmen Geschichte des Fortschrittsdenkens, hören die Botschaft auch mit Skepsis: Muss man dem chronisch kranken Individuum der Moderne nicht medizinisch mehr bieten als die Empfehlung, sich auf die Kräfte zur Selbstheilung zu besinnen?

Zumindest ein paar Apparate, Analytiker, Medikamente! Und drum herum, in der Öffentlichkeit, ein valides Urteil über Machtverhältnisse, Einkommensungerechtigkeit, Geschlechtergeschichte und Interessenkonflikte, das Elend der Welt und die Vergeblichkeit, also über die objektive Last auf der Seele, die politisch zu beseitigen ist. Das wäre der alteuropäische Weg. Wie der Ennui, die Melancholie alteuropäische Haltungen des Individuums sind, das auch deshalb gern seinen Rotwein trinkt. Kurios die Vorstellung, dass ein Charles Baudelaire der Hölle des Opiums durch regelmäßiges Jogging hätte entgehen können, das im Gehirn die gleichen Effekte erzielt! Was wäre aus seinen Paradis artificiels geworden?

Nun hat ein Alteuropäer diese Perspektive verschoben, mit allen Zertifikaten der ausgewiesenen wissenschaftlichen Institutionen in der Tasche, auch als politisches Wesen bewährt durch die Gründung einer amerikanischen Sektion der Initiative Ärzte ohne Grenzen, sprachmächtig, weltgewandt und schillernd als Individuum. Schön. Ein Franzose, Nachkomme der Aufklärung, ein Citoyen! Zur Zivilisationskritik also befugt: David Servan-Schreiber, Sohn des legendären Begründers der Zeitschrift L’Express, Neurologe und Psychiater, geschult in Amerika, promoviert bei einem Nobelpreisträger und nach einer Reise zur tibetischen Medizin in Dharamsala auch Mitbegründer des Zentrums für alternative Medizin an der Universität Pittsburgh. Schließlich zurückgekehrt nach Paris.

David Servan-Schreibers Buch über Die neue Medizin der Emotionen, das die hergebrachte Medikamentenreligion auf Herz und Nieren prüft, hat zuletzt sein Herkunftsland Frankreich, das Land von Descartes und Lacan, Mutterland der mechanistischen Philosophie und der neueren Psychoanalyse, in Unruhe versetzt. 300000 verkaufte Exemplare von Guérir, und das in dem Land, das beim Konsum von Beruhigungsmitteln die Weltspitze anführt! Die Übersetzungsrechte sind in 17Länder verkauft.

Dabei sagt das Buch unter Aufbietung des neuesten Forschungsstandes dem Laien wenig umwerfend Neues. Schon ein Blick in die Praktiken jeder städtischen Nachbarschaft zeigt, dass Atemseminare, Laufschulen, Belehrungen über ungesättigte Fettsäuren und Übungen in gewaltfreier Kommunikation zum festen Bildungsstand des Westeuropäers zählen, was man vom Werk eines Freud oder Descartes so nicht behaupten kann. Wer hätte nicht irgendwann von einem kassenärztlich organisierten Hautarzt zu hören bekommen, gegen diese hartnäckigen Warzen helfe wohl nur eine Hexe, die im Besprechen versiert sei? Wer kennt nicht einen Rationalisten, der mit Hilfe der Akupunktur seine Kopfschmerzen loswurde? Wer hätte nicht erlebt, wie in Evangelischen Akademien die Mittagspausen mit gemeinsamem Atmen verbracht werden? Längst sind vormoderne Praktiken und fernöstliche Heilkünste in den Alltag von Zivilisationsmüden eingezogen, integriert, wie es sonst Fremdem nur selten vergönnt ist.

Allerdings kennt jeder auch den Jogger, der an seinem Zigarettenkonsum festhält und neben dem täglichen Teelöffel Leinsamen eine Tafel Schokolade verschlingt. Jeder kennt einen, der rastlos von den Bachblüten zum Hathayoga und zum kostspieligen Managementberater eilte, um schließlich doch beim Schmerztherapeuten zu landen. Das im Mix der Kulturen dienstleistungsversierte Volk der Deutschen ist kundig, ungeduldig, verwöhnt und misstrauisch zugleich.

Doch dieses Buch stammt eben autoritativ vom Spezialisten (Elite-Universität!), und es sagt alles ein wenig anders. "Mit Liebe auf jeder Seite", wie es ein renommierter Pariser Fachmann ausgedrückt hat, wie überhaupt die Weltsuperstars der Forschung, von den Neurologen Damasio und le Doux über den Intelligenzexperten Goleman bis zur Analytikerin Schachter, das Buch nach seinem Erscheinen in Amerika öffentlich mit einer für Wissenschaftler unüblichen Zärtlichkeit rühmten. Das muss auch an dem Gestus der kindlichen Überraschung liegen, mit dem ein aufgeklärter Nachkomme der westlichen Zivilisation berichtet, wie er fast wider Willen neugierig wurde angesichts der Heilerfolge von Medizinern, die sonst als Scharlatane gelten.

Was David Servan-Schreiber eingangs zum Zustand der zivilisierten Seele anführt, sind keine Kleinigkeiten: Zwischen 50 und 75 Prozent aller Arztbesuche hängen mit Stresserkrankungen zusammen, und die Mehrzahl der am häufigsten verschriebenen Medikamente soll der Heilung von Stresssymptomen wie dem Magengeschwür oder der Schlaflosigkeit dienen. Jeder siebte Franzose schluckt regelmäßig ein Psychopharmakon, und der Verbrauch von Antidepressiva hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Das sind Befunde, die bestätigen, was der Soziologe Alain Ehrenberg im Einklang mit Kapitalismustheoretikern der Gegenwart als neue Zivilisationskrankheit der Massen beschrieb: den Überdruss, man selbst sein zu müssen. Diese Erschöpfung des Selbst beschädigt das Körpergefühl, macht arbeitsunfähig, zerstört Beziehungen und nimmt alle Freude.

Guter Rat ist da bisher vor allem teuer: Die traditionelle Redekur der Psychoanalyse, deren Wirkung in vielen Fällen auch Servan-Schreiber nicht bestreitet, dauert lange und kostet erhebliche Summen. Die biochemische Abhilfe durch Antidepressiva, deren Wirkungsweise zudem umstritten ist, schützt nicht vor Rückfällen nach dem Absetzen der Medikamente. Und fast unausweichlich, das weiß auch Servan-Schreiber, muss eine abendländische Medizin, die sich als wissenschaftlich begründet versteht, bei alternativen Heilmethoden doch zögern, von denen kein Fachmann sagen kann, wie sie wirken. Nur dass sie wirken.

Dieser Arzt lässt sich von der Erfahrung der Wirksamkeit leiten. Märchenhafte sieben Heilverfahren an der Zahl sind es, von denen der Neurologe weiß: die Kohärenz des Herzrhythmus durch bewusste Atmung und Konzentation herbeizuführen. Durch angeleitete Augenbewegungen traumatische Erfahrungen zu heilen. Durch Licht die biologische Uhr zu befrieden. Durch Akupunktur das Gehirn zu beeinflussen. Durch Omega-3-Fettsäuren, etwa in Fisch oder Leinöl, das emotionale Gehirn zu ernähren. Durch regelmäßiges Laufen Endorphine auszuschütten. Und durch gewaltfreie Kommunikation soziale Nähe zu ermöglichen.

Allen Wegen gemeinsam ist, dass sie die Macht des emotionalen, des limbischen Gehirns ernst nehmen, das in engem Kontakt zum Körper steht – so wie das kognitive Gehirn, Alteuropäern als Zentralorgan der Vernunft wohlvertraut, mit der Sprache und dem Wissen liiert ist. Wie Antonio Damasio betont auch Servan-Schreiber, dass sich in der Verständigung und Versöhnung beider Gehirne die Quelle des Wohlbefindens verbirgt. Kapitel für Kapitel widmet sich Servan-Schreiber nun diesen sieben Verfahren, lebhaft illustriert durch Patientengeschichten, die seit den Bucherfolgen des Neurologen Oliver Sacks schon fast als ein Freifahrschein zur Popularität gelten können.

Da wäre Charles, Direktor eines Kaufhauses in Paris, dessen Herz beunruhigend rast, ohne dass der Kardiologe eine Krankheit feststellen könnte. Der ratlose Mann lernt, die Kohärenz seines Herzrhythmus zu trainieren, und siehe da, er lebt fortan wie erneuert. Oder Fred, ein junger Unternehmer, dessen chronische Müdigkeit und Schmerzen in den Schultern ihn auf eine Odyssee durch das Angebot an medizinischen Dienstleistungen führten. Bis er vom Arzt durch einen Simulator der Morgendämmerung das Licht zugeführt bekam, das ihn wieder schlafen ließ und den Schmerzen ein Ende machte. Oder der Laborleiter Benjamin, der wegen eines Burn-outs zu Antidepressiva griff, die ihn fortan zwischen Manie und Depression schlingern ließen. Bis der Mann schließlich bei Servan-Schreiber einwilligte, es stattdessen mit der regelmäßigen Einnahme von Fischöl-Extrakt zu versuchen. Erfolgreich. Und so weiter, von Fall zu Fall.

Zur Evidenz der Erfahrung kommt stets die empirische Forschung. Wo etwa viel Fisch gegessen wird, sehen die Krankheitsstatistiken anders aus als in der westlichen Welt: "In Taiwan, Hongkong und Japan treten Depressionen bis zu zwölf Mal seltener auf als in Frankreich, selbst wenn man die unterschiedliche Einstellung gegenüber Depressionen in asiatischen Ländern berücksichtigt." Nie geht Servan-Schreiber so weit, mit seinen Therapien monokausal den Symptomen zu Leibe zu rücken. Doch immer bleibt er der Devise des Arztes treu: Was heilt, kann nicht so falsch sein.

Es gehört zur Kunst mancher Hirnspezialisten, und so auch von Servan-Schreiber, durch die Art ihrer Erzählung die Zuwendung des Lesers zu ihren Thesen zu erzielen: Sie berichten von der eigenen Tätigkeit im Labor, unter Kollegen, und erscheinen so als Akteure, die wie ihre Patienten zur Identifikation, zur Auseinandersetzung oder zumindest zur Einfühlung einladen.

Ein Paradox: Der Arzt rät zur Selbstheilung

Sie thematisieren sich selbst als Teil des Experiments, indem sie von ihrer Erfahrung als Lernende berichten. Sie ziehen in Betracht, dass sie als Experten stets auch potenzielle Patienten sind. Sie vitalisieren die Vorstellungskraft, indem sie das Gehirn als bedürftig, als handelnd und leidend vorstellen und also den Körper zum Sprechen bringen. Kurz: Sie behandeln als Experten den Leser wie einen nahen Verwandten.

Keine Medizin, natürlich auch diese nicht, kann Sozialpolitik ersetzen. Doch Servan-Schreiber ist auch ein Experte für das Soziale, unruhig befasst mit den Spuren des Leidens, die Gesellschaften in den Körper einritzen. Er ist kein Methoden-Zapper, der Moden folgt, um seiner Klientel prickelnd Neues bieten zu können. Seine Empfehlung zur Selbstheilung bleibt dennoch ein Paradox. Wer einen Arzt braucht, dem fehlt ein Gegenüber. Dem ist mit dem Verzehr von Fisch kaum zu helfen, es sei denn, er wird begleitet, bis das Leiden ihn nicht mehr quält.

Mit diesem Widerspruch muss sich arrangieren, wer David Servan-Schreibers Medizin der Emotionen folgt: sich nämlich zum Arzt zu begeben, um von ihm zu lernen, auf Dauer ohne Arzt auszukommen. Sich also physisch zur Selbstbestimmung zu emanzipieren, um in Gesellschaft handeln zu können. Nicht wie ein herumirrender Konsument. Sondern geradezu alteuropäisch.