Man hat diese Platte Mal um Mal gehört, hat die Melodien im Sinn, ist ihnen und ihm längst verfallen – und dann steht er plötzlich leibhaftig da beziehungsweise huscht über den Flur des Clubs ins Dunkle. Das Phonodrome am Ende der Reeperbahn ist ein riesiger Kasten, und es ist nicht ganz leicht, dem Musiker durch die verschachtelten Gänge zu folgen, an rohen Wänden und dösenden Kollegen vorbei, über Bierkisten und Kabelgewirr hinweg, treppauf, treppab. Er bewegt sich rasant an diesem Ort, den er nicht kennt. Moment, jetzt eben erst Soundcheck, denn um neun geht’s auf die Bühne, als Vorprogramm von Stereolab, und gleich öffnen sich die Türen, und die Leute kommen.

Nicht dass er einen abschütteln wollte. Kieran Hebden ist selbst ein Fan; er weiß, wie Fans fühlen. Musik interessiert ihn mehr als alles andere, immer noch kauft er sich 20 Platten die Woche, meistens Vinyl, weil’s nicht so klinisch klingt, und daheim bei ihm in London läuft Musik von früh bis spät, so er nicht grad welche macht.

Kieran Hebden ist einfach schnell in allem, mit 16 der erste Plattenvertrag für sein Trio Fridge, fünf Platten bisher, und nun, mit 26, Durchbruch mit dem Soloprojekt Four Tet und dessen dritter Platte Rounds (auf Domino erschienen). Die zählen etliche Kritiker zu den bemerkenswertesten Veröffentlichungen des vergangenen Jahres, und auch das Publikum will sie: 60 000 Stück sind inzwischen verkauft, nicht schlecht für eine zu Haus am PC zusammengesetzte Musik.

"Folktronica" wurde sein Stil genannt, weil er warme Sounds der Folkmusik, ihre Melodienhaftigkeit und Instrumente (Mandolinen, Harfen, Glocken) aus dem Kontext von Gitarre und Lagerfeuer befreit und in ein ganz und gar elektronisches Ambiente überführt. Hebden liebt diese Kategorisierung nicht. Er, Sohn eines musikbegeisterten Soziologen und einer indischen Lehrerin, will sich nicht festlegen lassen auf einen bestimmten Stil jenseits seiner prinzipiellen Offenheit. Er, der mit vier schon Chuck Berry im Konzert erlebte und mit sieben Don Cherry, der mit elf spielen wollte wie Jimi Hendrix, er sieht sein Schaffen beseelt von der Wertewelt des Free Jazz (Freiheit & Abenteuer) und rhythmisch animiert von den verschleppten Rhythmen eines wortlosen HipHop.

Während die Musikindustrie in schrillsten Tönen jammert, zimmert hier einer an seinem musikalischen Imperium, das nur aus ihm besteht: seiner Neugierde, seiner Auffassungsgabe, seinen Einfällen und seinem Wunsch nach einem unverwechselbaren Klang. Sein Arbeitstag führt ihn vom Bett aufs Sofa, vom Plattenspieler an den Computer, und nebenher läuft MTV. Er steht auf, wann’s ihm passt, und er macht, wozu er Lust hat – er lebt von seinen Platten, Konzerten, Remixen, Produktionen, und Wechsel ist ihm das einzig beständige Element.

Schnell und selbst: das sind seine Schlüsselworte. Er will kein Gedöns um sich herum, er macht alles allein, telefonieren, managen, mit dem Auto von Club zu Club zu fahren, und er sieht darin nicht die Mühen der Anfänge, sondern das Privileg fortwährender Autonomie.