Rom, im Jahr 1972. Mein Freund Peter Berling rief mich an: "Was machst du gerade?" – "Ich sitze auf meiner Terrasse in der Sonne", antwortete ich. – "Wenn’s dir recht ist, komm ich gleich mit jemand vorbei, der dich kennen lernen möchte." – "Ist sie hübsch, oder soll ich mich anziehen?", kalauerte ich. Berling senkte die Stimme, als solle jemand nicht mithören: "Sie ist 24, mit Pickeln und in Leder." Eine Stunde später saß mir Rainer Werner Fassbinder auf der Terrasse gegenüber. Entweder trank er von seiner Cola mit Scotch, oder er pulte an seinen nicht ganz einwandfreien Fingernägeln herum, ohne mich jemals anzusehen. Zwei Stunden später hatten wir noch keine drei Worte miteinander gewechselt, und als er irgendwann aufs Klo hinunterging, sagte ich enttäuscht zu Berling: "Er sagt nichts und schaut mich nicht an." – "Er hat Angst vor dir", meinte Berling. Ich staunte. Denn immerhin war Fassbinder schon das Supergenie des jungen deutschen Films.

"Was will er denn von mir?", fragte ich.

"Das wollte er dir eigentlich selbst sagen. Du sollst in seinem nächsten Film einen Regisseur spielen, nämlich ihn, Fassbinder himself."

So erfuhr ich, dass Fassbinder einen Film vorbereitete, der schon ziemlich bald in Sorrent bei Neapel gedreht werden sollte: Warnung vor einer heiligen Nutte. Wir wurden schnell einig, ein Vertrag wurde gemacht, Geld hatte Fassbinder stets wenig für die Schauspieler, besonders für die seiner eigenen Truppe, die aus dem Anti-Theater hervorgegangen war. Von Fassbinder selbst behauptete man damals schon, dass er immer teure Sportwagen, Marke Corvette Sting Ray, kaufte und sogleich zu Schrott fuhr. Mir bot er 20000 DM als Gage an, das war für seine Verhältnisse sicher sehr viel, und ich akzeptierte. Prompt erhielt ich die Hälfte der Gage als Vorschuss. Ich drehte damals gerade in Italien einen Film mit Giuliano Gemma und sollte gleich danach bei Fassbinder anfangen, der zwar schon vorher beginnen würde, aber auf mich warten wollte. Doch Gemma verletzte sich, unser Film musste für über eine Woche unterbrochen werden. Leider konnte Fassbinder nicht länger auf mich warten, er musste umbesetzen, und ich schickte die Gage, die er mir vorausbezahlt hatte, zurück.

Es gingen neun Jahre ins Land, ich traf Fassbinder ab und zu in Rom, in München und sogar in Hollywood, als Schlöndorffs Blechtrommel 1980 einen Oscar gewann. Nach der Verleihungs-Zeremonie gab es einen Empfang, für den es nur für wenige Außenseiter Eintrittskarten gab, und das waren wir mit unserem Oscar für den besten ausländischen Film. Schlöndorff kam nur aufgrund seiner Statuette hinein, ich als der einzige anwesende Darsteller des Films nur deshalb, weil meine damals Noch-nicht-Ehefrau Monique in der Toilette zwei Eintrittskarten gefunden hatte. Jedenfalls stand das deutsche Häufchen eher unbemerkt herum. Schlöndorff hat später bestritten, dass er in diesem Augenblick seines größten Triumphs, mit der Oscar-Statuette in der Hand, den klarsichtigen Ausspruch getan hat, für den ich ihn damals bewundert habe: "Wir haben in diesem Land nichts verloren." Fassbinder stimmte ihm zu, und er hat sich diesen Satz so zu Herzen genommen, dass er nie mehr ernsthaft versuchte, in Amerika Fuß zu fassen.

Rom, ziemlich genau ein Jahr später. Peter Berling hatte zu seinem Geburtstag eingeladen. Keine zehn Schritte von seiner Haustür lag damals sein Stammlokal, die Trattoria All’Arco di S. Calisto gleich neben der Piazza St. Maria in Trastevere. Da tags darauf in einem römischen Kino die Premiere von Lili Marleen stattfand, war Fassbinder mit seinem Hofstaat in Rom eingetroffen, und sie bildeten den Hauptteil der langen Tafel. Berling präsidierte als Geburtstagskind am Kopf des Tisches, rechts von ihm war ein freier Stuhl, der für die Schauspielerin Eleonora Giorgi reserviert war, die vor ein oder zwei Jahren den mächtigen Verleger und Filmboss Angelo Rizzoli geheiratet hatte, den Verleiher von Lili Marleen. (…) Berling spielte Fassbinder gegenüber die ehrgeizige Diva maliziös als kleine, unbedeutende Schauspielerin herunter, und Fassbinder war daher auch nicht beeindruckt, eher sauer auf die zu spät kommende Dame, auf die man nun schon fast eine Stunde lang wartete, ohne dass mit dem Geburtstagsessen begonnen werden konnte. Zu meinem Erstaunen unterhielt sich Fassbinder diesmal mit mir und ließ sich auch nicht unterbrechen, als Signora Rizzoli-Giorgi schließlich erschien. Berling hatte mir das neu entflammte Interesse Fassbinders für mich angedeutet. Er plante eine Verfilmung von Heinrich Manns Professor Unrat, das heißt eine moderne Fassung mit dem Titel Lola, in der die Handlung erheblich verändert war und in den fünfziger Jahren spielte.