Lewis: Der Terrorismus kommt nicht von den Armen. Das ist ein Mythos. Der Terrorismus kommt von Menschen der Mittelschicht mit guten Berufen und hohem Einkommen. Aber natürlich stammen manche Selbstmordattentäter aus Flüchtlingslagern, und man kann die Wut dieser Menschen verstehen.

zeit: Welche Lektion können wir aus dem Irak-Krieg lernen?

Lewis: Viele Menschen in Europa und einige in Amerika haben die Hoffnung auf Demokratie im Irak aufgegeben. Sie glauben, dass unsere Demokratie und unsere Freiheit rein westliche Institutionen seien, die man nicht exportieren könne. Und sie behaupten: Die Araber sind nun einmal, wie sie sind, die Verhältnisse nicht zu ändern. Aber die Araber sind eben nicht so. Nehmen Sie die Diktatur Saddam Husseins und seiner Baath-Partei. Diese Diktatur hat in der arabischen Geschichte überhaupt keinen Vorläufer. Sie ist ein Export aus Europa. Die Einparteienherrschaft ist ein europäisches Modell – der beste Exportartikel des Westens in der islamischen Welt. Die Vorgängerin der Baath-Partei stammt von den Nazis. Die Nationalsozialisten hatten über das französische Protektorat Syrien und Libanon zu Zeiten der Vichy-Regierung Einfluss auf die Region gewonnen und übrigens auch viele Texte ins Arabische übersetzt. Die Baath-Partei war der Klon der NSDAP. Ihr Führer, Raschid Ali, verbrachte das Ende des Krieges als persönlicher Gast Adolf Hitlers in Berlin.

zeit: Sie behaupten, im Islam gebe es keine Tradition brutaler Diktaturen…

Lewis: Der Islam hat eine reiche politische Tradition. Der Prophet Mohammed war selbst Staatsmann. Jesus endete am Kreuz, Mohammed als Herrscher eines Staates. Anders als Moses hat Mohammed sein Gelobtes Land gesehen, es erobert, beherrscht und alles getan, was Herrscher tun: Krieg führen, Frieden schließen, Gesetze erlassen, Steuern eintreiben. Von Anfang an gab es im Islam eine völlige Übereinstimmung von Staat und Religion. Deshalb wird im Islam schon lange über das Problem des Regierens nachgedacht. Der Koran und andere islamische Schriften äußern tiefe Abneigung gegen Gewaltherrschaft und Diktatur. Die Herrschaft muss zwar respektiert werden, sie wird aber auch eingeschränkt: Die Regierung beruht auf Konsultation und Beteiligung der Untergebenen. Beide Seiten haben Verpflichtungen.

zeit: Welche Rechte haben die Muslime?

Lewis: Der Begriff der Rechte ist ein westlicher Begriff. In der islamischen Weltsicht hat nur Gott Rechte, Menschen haben Pflichten. Aber sie haben Pflichten gegeneinander. Im Kalifat, der fundamentalen Herrschaftsinstitution, hat der Herrscher Pflichten gegenüber dem Untergebenen wie auch der Untergebene gegenüber dem Herrscher. Der Gehorsam ist nicht unbegrenzt. Es gibt keinen Gehorsam in der Sünde. Das klingt wie im Westen nach einem Recht auf Revolution. Im Islam gibt es sogar eine Art Pflicht zur Revolution.