Paris

Am Vorabend der Präsidentenwahl im Mai 2002 herrschte in der Parteizentrale des Front National (FN) Personalmangel. Weil die gesamte Führung unterwegs war, um den Überraschungssieger Jean-Marie Le Pen bei der Stichwahl gegen Jacques Chirac zu stützen, musste Le Pens Tochter Marine kurzfristig bei einer Fernsehdiskussion einspringen. Widerwillig ging die damals 33 Jahre alte Rechtsanwältin ins Studio von France 3, doch ihr erster großer TV-Auftritt war ein voller Erfolg. Seit diesem Tag gelten die französischen Rechtsextremen als salonfähig.

Zuvor hatte jeder Medienauftritt des Parteigründers Jean-Marie Le Pen, 75, heftige Diskussionen ausgelöst, ob man den radikalen, fremdenfeindlichen, antiliberalen Polterer überhaupt zu Wort kommen lassen dürfe. Es gehörte geradezu zum Image des Fischersohnes aus Südfrankreich, den Verfemten und Verfolgten abzugeben, der sich wie eine Art Intifada-Kandidat den Wählern als Geißel des Establishments anbot. Nur wenige Franzosen bekannten sich offen zu dem Mann, der über die "Ungleichheit der Rassen" und über den Holocaust als "historisches Detail des Zweiten Weltkriegs" schwadronierte. Doch in geheimer Abstimmung fand Le Pen als Vertreter der Unterdrückten genügend Anhänger, um 2002 in die Endausscheidung um das höchste Staatsamt zu gelangen.

Mit dieser Underdog-Logik einer reinen Protestpartei will Marine Le Pen, Jahrgang 1968, jetzt Schluss machen. Sie hat als Rechtsexpertin des FN und Abgeordnete im Regionalrat von Nord-Pas-de-Calais die Erfahrung gemacht, dass sie beliebter ist als die Partei, die sie vertritt. "Ich will unsere Partei entdämonisieren", sagt die große, stämmige Frau mit dunkler Stimme. Sie residiert in einem fabrikartigen Flachbau am Rande des vornehmen Pariser Vororts Saint-Cloud, direkt neben der vergitterten Kommandostelle ihres Vaters. Von ihm, sagt sie, habe sie sich "vollständig emanzipiert", auch wenn sie seine Ansichten weiterhin "zu dreihundert Prozent" teile.

Die Mutter von drei kleinen Kindern, die oft als Mischung aus blonder keltischer Walküre und Seemansbraut beschrieben wird, weiß, dass 22 Prozent der Franzosen hinter ihrer Partei stehen. Nun arbeitet sie energisch daran, den politischen Familienbetrieb des Vaters, der schon heute die drittstärkste Kraft im Lande ist, mehrheitsfähig zu machen. Nicht per Wahl, sondern durch väterliches Machtwort wurde sie 2003 zur FN-Vizepräsidentin gekürt. Mit Marines Ehemann als Wahlkampfleiter, der Schwester als Managerin und der Stiefmutter als Beraterin arbeitet die Le-Pen-Dynastie auf ihr großes Ziel hin: die Präsidentenwahl 2007.

Zwar war Vater Le Pen jüngst wegen eines dilettantischen Formfehlers von der Regionalwahlliste in seiner Heimatregion Provence-Alpes-Côtes d’Azur geflogen, weil er dort weder Wohnung noch Steuernummer nachweisen konnte. Doch da ihm ohnehin wenig Lust nachgesagt wird, als Regionalpräsident Schulen und Wasserleitungen zu bauen, nahm der Parteichef den Ausschluss gelassen hin, um stattdessen von Paris aus den nationalen Vormarsch zu organisieren.

Dabei steht Marine an vorderster Front. Wenn an den kommenden Wochenenden 22 französische Regionalparlamente gewählt werden, kann sie als FN-Kandidatin für die Île de France damit rechnen, dass ihr Abschneiden im bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstärksten Großraum Europas höchsten Symbolwert hat. Denn alle Kardinalthemen des FN – Immigration, Armut, Arbeitslosigkeit, Unsicherheit – sind hier wie unter einem Brennglas versammelt. Und weil die Wahl auch ein nationales Stimmungsbarometer ist, befürchtet Pascal Perrineau vom Centre de l’étude de la vie politique française an der Hochschule Sciences po bereits: "Das Erdbeben von 2002 könnte sich wiederholen, weil die Konjunktur lahmt, die Vertrauenskrise immer noch da ist und der FN stets die Politikverweigerung ausnutzen konnte."

Statt auf großen Parteikundgebungen sucht Marine Le Pen ihr Publikum auf Pariser Wochenmärkten und Plätzen. Die Visiten werden oft erst morgens bekannt gegeben, damit Gegner keine Protestaktionen planen können. Während sich deutsche Rechtsextreme schon von weitem durch Schlägertrupps zu erkennen geben, ist die kleine Wahlmannschaft von Marine Le Pen nicht von den Marktbesuchern zu unterscheiden. Im kleinbürgerlichen XII. Pariser Arrondissement verbringt sie einen Vormittag mit Händeschütteln und Gesprächen, bei denen sie auch auf maghrebinische Obsthändler zugeht. "Wir sind nicht fremdenfeindlich", sagt sie, "sondern frankophil."