Sein langer Weg nach Westen sollte Jochen Hörisch direkt ins Schlaraffenland der Hochschulen führen. Der Mannheimer Germanistikprofessor sollte an die University of Virginia wechseln – zu exzellenten Bedingungen: nur noch halb so viel lehren wie in Deutschland, für 100000 Dollar im Jahr, und dazu noch Freiflüge, nach Hause und für Forschungsreisen. Selbst Hörischs Frau, Studienrätin für Deutsch und Französisch, bekam einen Job an der Uni angeboten. Das alles unweit von Washington, D. C., an einer der besten amerikanischen Staatsunis, mit vielen weltweit renommierten Kollegen. "Das war alles sehr, sehr attraktiv", schwärmt Hörisch, "zumal an der allerschönsten Universität, die ich je kennen gelernt habe."

Das war im Jahr 2000. Doch Jochen Hörisch lehrt heute noch in Mannheim. Schuld tragen der deutsche Staat – und das deutsche Beamtenrecht, das deutsche Wissenschaftler zwingt, derlei Angebote abzulehnen. "Eine typisch deutsche Geschichte", sagt Hörisch resigniert.

Deutsch und paradox: Zwar fordern Politiker fortwährend, dass mehr deutsche Studenten ins Ausland gehen sollen; Bildungsministerin Edelgard Bulmahn will etwa, dass nicht bloß jeder siebte, sondern jeder fünfte Student ein Semester außerhalb der Republik verbringt. Von 2010 an sollen die internationalen Bachelor- und Master-Abschlüsse Pflicht sein, wer ein Semester in Italien oder Frankreich absolviert, rechnet seine Leistungen schon jetzt nach einem europäischen Punktesystem ab.

Je höher der Posten, umso mehr Geld geht verloren

Bei den Professoren aber funktioniert das alles nicht: Hier verhindert der Staat den internationalen Austausch, anstatt ihn zu fördern. Auch wenn der Deutsche Akademische Austauschdienst reihenweise Wissenschaftler für einige Zeit durch die Welt verschickt – wenn ein deutscher Professor einen Ruf ins Ausland bekommt, muss er den meist ablehnen.

So hätte Jochen Hörisch nach über 20 Jahren im Staatsdienst seine Pension verloren – nicht etwa in Teilen, sondern komplett. Dafür hätte ihn der Staat als Angestellten nachversichert – und seine Altersversorgung wäre auf die Hälfte zusammengeschrumpft. Von der amerikanischen Uni hätte Hörisch ein exorbitantes Gehaltsplus verlangen müssen, um das durch eine eigene Versicherung wieder auszugleichen. "Völlig absurd!", schimpft Hörisch.

Wie Hörisch ergeht es vielen anderen Hochschullehrern: "Für einen Professor in gesicherter Position ist es uninteressant geworden, ins Ausland zu gehen, dabei lebt Wissenschaft vom Austausch", analysiert Michael Hartmer, der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes. "Je höher der Posten, desto mehr geht verloren", gesteht Isabel Schmitt-Falckenberg ein, die Sprecherin des Bundesinnenministeriums. "Das ist ein erhebliches Problem, die Barriere des Beamtenrechts kommt einer Art Leibeigenschaft gleich", klagt Peter Gaehtgens, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Wie viele Professoren unter der Rechtslage leiden, weiß niemand; Erhebungen gibt es nicht. "Das mag ein Randproblem quantitativer Art sein", wägt Gaehtgens ab, "aber es ist qualitativ ernst zu nehmen."

Dabei sind deutsche Wissenschaftler im Prinzip mobiler als ihre Kollegen im Ausland, wie der Kasseler Bildungsforscher Ulrich Teichler herausgefunden hat. Doch wer einmal einen Lehrstuhl habe, wechsele fast nie mehr über die Grenzen der Republik. "Das findet äußerst selten statt", berichtet Teichler.