Am Anfang war Die Jury, ein Ende ist nicht abzusehen. Jedes Jahr durchfurcht mindestens ein neuer Grisham die amerikanische Verbrecherwelt: Die Firma, Die Akte, Das Urteil, Der Partner, Der Richter, Die Schuld – und seit wenigen Tagen Die Liste. Der Autor schreibt Bücher wie ein Automat, was ihn für den Münchner Heyne Verlag so wertvoll macht. Nach einem kurzen Abstecher zum Football hat John Grisham mit Die Liste wieder einen "echten Grisham, einen reinen Spannungsroman" abgeliefert, sagt Vertriebsleiter Markus Klose.

Das Werbekonzept für den potenziellen Bestseller erläutert Klose etwa so überzeugt, wie ein Physiker die Naturgesetze vortragen würde. Wie immer habe man einen "Zwei-Wort-Titel" gewählt, der lautmalerisch wegen seiner "iiiiiis" und "sssss" besteche, dazu das Einschussloch auf dem Umschlag als "klares Signal, worum es geht". Die Vertreter, die den Handel von dem Buch überzeugen sollen, hätten es denn auch spontan als "großen Wurf" bezeichnet. Der 40-Jährige muss selbst über die Superlative lachen. Aber es stimme ja. Bei John Grisham genüge es zu melden, "er ist da", schon würden Zehntausende Bände geordert.

Die Romane sind noch aus einem anderen Grund etwas Besonderes: Im Geschäft mit ihnen werden die treibenden Kräfte des Buchmarktes besonders deutlich.

Wer Manager großer Publikumsverlage und Buchhandelsketten fragt, was sie antreibt, hört sie voller Überzeugung sagen, sie liebten Bücher und das Kreative ihres Tuns. Auch das romantische Selbstbild ist nicht verblasst, sie säten und jäteten mitten in der deutschen Kulturlandschaft. Gleichzeitig wird aber in jedem längeren Gespräch deutlich, dass der Kaufmann in ihnen immer mehr zu Wort kommt.

"Die Branche hat viel auf dieser Seite gelernt", formuliert Dieter Schormann vorsichtig, er ist Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Deutlicher wird Heinrich Hugendubel, der zweitgrößte Buchhändler im Land: Man erlebe "sehr ruppige Zeiten" und eine "große Auslese". Die führenden Unternehmen setzen alles daran, ihrem Geschäft das Unberechenbare zu nehmen und es anderen Massenunterhaltern gleich zu tun: mit rationellem Marketing, fokussiert auf Umsatz pro Quadratmeter, mit Marktmacht durch Größe und Verdrängung der Kleinen. Darum geht es, auch auf der Leipziger Buchmesse in dieser Woche.

Beschleunigt hat sich die Entwicklung, weil der Buchmarkt in den vergangenen drei Jahren um fast sieben Prozent geschrumpft ist. Aus den Zahlen des Börsenvereins für das Jahr 2002 und dem "Umsatztrend" des Fachmagazins Buchreport geht hervor, dass die Branche gerade noch neun Milliarden Euro umsetzt. Das bedeutet: Schon Stagnation gelingt nur auf Kosten anderer, wer kräftig wachsen will, muss Konkurrenten übernehmen.

Random House ist da am konsequentesten. Der zum Medienkonzern Bertelsmann gehörende Verlag kaufte sich mit dem Geld der Muttergesellschaft im vergangenen Jahr an die Spitze der Branche – durch die Übernahme des Heyne Verlags, der jetzt den neuen Grisham präsentiert. Seither ist Random House mit einem Umsatz von etwa 270 Millionen Euro unangefochtener Marktführer vor den Buchverlagen des Holtzbrinck-Konzerns (zu dem auch die ZEIT gehört) und der Bonnier-Gruppe (beide Buchsparten mit etwa 170 Millionen Euro). Die Konzentration ist in Deutschland zwar deutlich geringer als in Frankreich oder den USA, aber sie prägt das hiesige Buchgeschäft inzwischen unwiderruflich.

Vierundzwanzigmal ist das Einschussloch zu sehen. Vier Bände nebeneinander, sechs übereinander: Der eisblaue Einband des Grishams steht in der Buchhandlung Hugendubel am Münchner Marienplatz frontal im Regal. So viel Aufmerksamkeit bekommen im ersten Stock allenfalls noch Henning Mankell für Das Auge des Leoparden – eine kleine Palette voll ist zu haben – und Joanne K. Rowling, deren Harry Potter-Geschichten als Hörbuch gleich mannshoch an der Wand lehnen. Der Grisham wird sogar noch ein zweites Mal auf dem Tisch "Hugendubel empfiehlt" präsentiert. Und das hauseigene Werbemagazin widmet dem Roman und seinem Autor die Titelgeschichte. Ein Erfolg des Buches ist fast unausweichlich.

Mindestens 150000 so genannte Hardcover will der Verlag von Grishams neuem Werk verkaufen, später kommen erfahrungsgemäß noch einmal etwa 600000 Taschenbücher hinzu. Bei Preisen von etwa 25 Euro und zehn Euro ergibt das an die zehn Millionen Euro Umsatz. Der Autor bekommt etwa 1,4 Millionen Euro davon. So heißt es im Umfeld des Verlages, doch offiziell bestätigen will es niemand, was typisch für die Branche ist.

Unbestritten ist der Autor "für den Heyne Verlag von überragender Bedeutung", wie dessen Geschäftsführer Ulrich Genzler sagt. Darin schwingt etwas mit, das so gar nicht nach Marktmacht klingt. Genzler sitzt in seinem Büro an der Münchner Bayerstraße zwischen den Titeln des Frühjahrsprogramms, ein asketischer Typ mit leiser Stimme, der als Lektor begann. Erst nach und nach, so erzählt er, habe er dieses angenehme Gefühl entdeckt, dass ein von ihm ausgewähltes Buch mehr einbringt, als es gekostet hat. Seit sechs Jahren leitet er den Heyne Verlag und spricht von der "großen Organisation", dem Wissen und den Fähigkeiten seiner Mitarbeiter, die es zu erhalten gelte. Was ihm nur gelingen könne, wenn Heyne jedes Jahr mehrere Verkaufserfolge vorweise.

Je größer die Organisation, umso größer wird auch ihre Abhängigkeit von Bestsellern.

In diesen Kreislauf haben sich die führenden Verlage begeben. Sie glauben, die Branche ließe sich durch schiere Größe beherrschen. Doch ihre Marktanteile machen sie nicht nur mächtiger, sondern gleichzeitig auch abhängiger. Abhängiger von erfolgreichen Autoren.

Nicht jeder Autor, der einen Vertrag bekommt, ist gleich ein Grisham. Nicht jedes Jahr schreibt einer wie Dieter Bohlen einen so erfolgreichen Erstling wie Nichts als die Wahrheit. Und nicht immer entdecken die großen Verlage die umsatzträchtigsten Schreiber. Deshalb stillen sie ihren Hunger durch Übernahmen, oder sie machen anderen Verlagen deren Autoren mit immensen Vorauszahlungen abspenstig. Blessing (Bertelsmann) hat beispielsweise dem Argon Verlag (Holtzbrinck) vor gut zwei Jahren seinen Autor Florian Illies (Generation Golf) abgeworben und dafür laut Neue Zürcher Zeitung eine Million Mark Honorar gezahlt.

An ein solches für ihn aussichtsloses Wettbieten erinnert sich Michael Krüger noch genau, er ist Chef des Hanser Verlags. Seine Autorin Cathleen Schine hatte vier Bücher bei ihm veröffentlicht (zuletzt Darwins Launen) und damit "jeweils 50000 Mark verdient". Ein laut Krüger für beide Seiten gut kalkuliertes Geschäft. "Dann erhielt ich einen tränenreichen Brief." Sie sei untröstlich, aber sie würde zum Claassen-Verlag wechseln, der damals zum Axel Springer Konzern gehörte. Statt des üblichen Honorars sei ihr die für sie unglaubliche Summe von 650000 Mark geboten, sagt Krüger. "Ich konnte verstehen, dass sie geht." Claassen mag die Summe nicht bestätigen.

In der Zwischenzeit ist Springer das riskante Buchgeschäft leid und hat seine Buchverlage verkauft; Claassen kam letztlich zur schwedischen Bonnier-Gruppe. Dort heißt es über Schines Roman Tage mit Emma, er sei bislang etwa 10000-mal verkauft worden. Was wohl bedeutet, dass er dem Unternehmen einen deutlichen Verlust bescheren wird. Aber eine Folge des Wechsels ist auch, dass Hanser geschwächt wird. Das kann der Konkurrenz in einer sich konzentrierenden Branche reichlich Geld wert sein, zumal wenn sie in eine Konzernkasse greifen darf.

Michael Krüger verlegt Wolf Wondratschek und Botho Strauss, Philip Roth und Umberto Eco – wie lange noch? Der 60-Jährige arbeitet vor einer vollen Bücherwand, auf den Tischen stapeln sich alte und neue Titel, dazwischen liegt schon die Kalkulation für das Herbstprogramm. Es sind die Utensilien eines Verlegers, die das mehr als 40 Quadratmeter große Büro im gutbürgerlichen Münchner Stadtteil Herzogpark füllen.

Es beginnt zu dämmern, aber Krüger macht kein Licht, er macht einfach weiter und weiter. Geht mit ausgebreiteten Armen auf und ab und wird, während er spricht, immer mehr zur Silhouette. Ein gläserner Briefbeschwerer rollt von einem Manuskript auf seinem Schreibtisch. Krüger legt ihn zurück, nimmt seine Rede wieder auf, setzt sich auf einen Stuhl mitten im Raum, der Briefbeschwerer rollt wieder hinab, weil sich der Papierberg darunter nicht bändigen lässt. Unbeeindruckt fängt ihn Krüger wieder ein und legt das Gewicht an seinen alten Platz. "Was in den nächsten zehn Jahren sein wird, ist mir völlig unklar", sagt er düster. Er spricht über den Buchmarkt und meint doch, viel umfassender, die Rezeption von Kultur. Schließlich nimmt er seine pessimistische Einschätzung doch ein wenig zurück. Bei Hanser mit seinen etwa 50 Millionen Euro Umsatz "hat es noch immer geklappt. Wir haben nie Verlust gemacht."

Dennoch: Der Druck auf kleine und mittelständische Unternehmen hat gewaltig zugenommen. Auch durch den Handel. Dort findet ein Wandel statt, der beinahe noch umfassender ist als der in der Verlagsbranche.

Die zwei Filialketten Thalia und Hugendubel treiben zusammen mit dem Online-Händler Amazon die Konzentration voran. Amazon, das vor drei Jahren noch keine Rolle spielte, ist heute zum größten deutschen Buchverkäufer geworden, "der geschätzte 350 Millionen Euro Umsatz macht", sagt Verbandsvorsteher Schormann. Da können Thalia und Hugendubel nicht mithalten, obwohl auch sie wachsen. Hugendubel hat seinen Umsatz in den vergangenen zehn Jahren auf zuletzt 216 Millionen Euro vervierfacht und wurde von Thalia (265 Millionen Euro Deutschland-Umsatz in 2003) erst überholt, als der Einzelhandelskonzern Douglas seine Tochtergesellschaft zur Expansion trieb.

Zusammen erreichen die drei einen Marktanteil von zehn Prozent. Das ist in anderen Branchen wenig, doch für die Publikumsverlage stellt es eine Macht dar. Markus Klose von Heyne sagt: "Ohne sie kann man kein Buch wirklich groß machen."

In ihrer Wirkung auf kleine Verlage unterscheiden sich die drei Unternehmen allerdings deutlich. Weil Amazon im Internet über eine theoretisch unendliche Verkaufsfläche verfügt, durch eine Suchfunktion auch abseitigen Geschmack problemlos befriedigt und ohnehin jeder Kunde sein Buch bestellen muss, sind kleine Verlage im Internet gleichberechtigter vertreten als in den Handelsketten. Dort findet die harte Selektion statt. Heinrich Hugendubel beschreibt es so: "Seit Jahren erleben wir, dass die Auflagen der Bücher, die in der zweiten Reihe stehen, zurückgehen." Obwohl er in seinen großen Filialen heute bis zu 100000 Titel anbietet, macht er mit 3000 Titeln rund 40 Prozent seines Umsatzes. Tendenz steigend.

Ursache und Folge gleichermaßen ist, dass die Händler Bestsellern wie Die Liste besonders viel Platz einräumen. "Thalia steht bei solchen Titeln in dem Ruf, sie überproportional gut abzuschleusen", sagt Stefan Vogel, Chef-Einkäufer von Thalia. Das kann aber trotz der immer größeren Flächen nur bei einige hundert Titeln gelingen. So hat es sich als betriebswirtschaftlich sinnvoll erwiesen, kleine Verlage nach und nach auszulisten: Wer keinen Erfolgsautor im Programm hat, darf seine Vertreter nicht mehr in die Filialen der großen Buchhandelsketten schicken. Thalia empfängt nur die Vertreter von 500 Verlagen, wie Vogel bestätigt. Die übrigen 12000 Unternehmen aus dem Verzeichnis Lieferbarer Bücher schaffen es schon aus diesem Grund kaum auf die zentralen Verkaufsflächen.

So gelingt es den großen Verlagen und den großen Händlern mit vereinten Kräften, die Umsätze, also das Käuferverhalten, zu lenken und damit die Lesekultur zu verändern. Dank ihrer auf die Spitzentitel ausgelegten Marketingstrategie verdrängt ein Grisham einen Mario Vargos Llosa und ein Heyne Verlag eine Achilla Presse.

Die Liste wurde schon vor dem Erscheinen am 18. März mehr als 100000-mal vom Handel geordert.

John Grisham schreibt seit 1992 jedes Jahr einen Bestseller und gehört zu den wenigen Autoren, die eine internationale Fan-Gemeinde haben. Seine Bücher wurden in 29 Sprachen übersetzt und erreichen eine Auflage von weit über 60 Millionen. Der ehemalige Anwalt lebt und arbeitet heute auf seiner Ranch in Charlottesville, Virginia. Allein der Heyne Verlag bezahlt ihm nach internen Informationen für die deutschen Rechte etwa 1,4 Million Euro Honorar pro Manuskript